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Spaziergang mit Fedja
   

Hier veröffentlichen wir einmal im Monat persönliche Eindrücke aus dem täglichen Leben in Transkarpatien von Fedir Shandor: Etwas über dreissig Jahre alt, Leiter des kürzlich gegründeten Lehrstuhls für Tourismus an der Universität Uschgorod, Doktor der Soziologie, Chefredaktor des Internetportals "uzhgorod.net.ua", Mitglied von NeSTU...


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Fedir Shandor

Uschgorod, im April 2008

Hallo!

Der März ist zu Ende!

Die Katholiken feiern Ostern und bei uns hat erst die Fastenzeit begonnen. Gut, dass der 8. März schon vorbei ist (das ist der Tag, an dem wir unsere Frauen vor uns schützen), weil Fasten bei uns an diesem Tag unmöglich wäre. Das ist nicht im Ernst gemeint.
März:
- die ganze Bevölkerung von Transkarpatien schneidet die Weinstöcke
- erwacht vom Winterschlaf
- beginnt zu sparen: für das Studium der Kinder, für die Sommerferien
- das schlimmste an dieser Zeit ist, dass der im Herbst hausgemachte Wein zu Ende geht
- das schönste in dieser Zeit ist, dass alles erblüht; ein Sträusschen Schneeglöckchen (die aus dem „Roten Buch“) kosten auf dem Markt fünf Hryvnja

In den vergangenen Wochen wurde in Uschgorod eine Ermittlung gegen den Bürgermeister Ratuschnjak eingeleitet und man spricht schon über die Neuwahlen, wie in Kiew.
Im Heimatdorf von Viktor Baloha(1) wurde eine Strasse nach ihm benannt. Übrigens, er lebt noch und die Strasse gab es schon.
Julia Timoschenko hat laut allen Umfragen noch mehr Vertrauen beim Volk gewonnen.

Wenn Sie mich fragen, und was meinen Sie zur NATO – dann antworte ich: Sie scherzen wohl! Ich werde gegen die NATO und die Europäische Union Stimmung machen. Wir wollten zu Ihnen, und Sie spielen Verstecken. Und wie kann man dann mit Ihnen verhandeln, wenn Sie das Versprechen nicht halten, wie wir übrigens auch. Deshalb ich komme zu Ihnen um Schweizer Käse zu essen (und Sie zu uns nach Nishnje Selischtsche), Schweizer Schokolade zu geniessen (und Sie zu uns nach Mukatschevo), Schweizer Bier zu trinken (und Sie zu uns nach Beregovo), Schweizer Wein zu verkosten (und Sie zu uns nach Serednje), und einfach um Schweizer Berge, Wälder, Seen und Menschen zu bewundern (und Sie zu uns nach Transkarpatien)... Und die Politik, die lasse ich jetzt. Man kann sie ja einfach nicht ernst nehmen.

Ich wollte noch sagen, dass neuerdings in Khust, nicht weit von Nischnje Selischtsche, das erste ukrainische Marzipan hergestellt wird.
Im April warten einige Kulturfestivals auf uns, und am 3.-4. Mai freuen wir uns in Uschgorod auf ein Weinfest und ein internationales Petanque-Turnier.

Kommen Sie zu uns...

Passen Sie gut auf, April ist ein verwirrender Monat, er betrügt Herzen...

Ihr Fedja

(1) Viktor Baloha leitet seit knapp zwei Jahren den Stab des Präsidenten Juschtschenko. Er stammt aus dem Bezirk Mukatschewo in Transkarpatien und hat sich im Gebiet ein Firmenimperium aufgebaut.

 

 

Uschgorod, im März 2008

Privet vsem(1)!

Wie wir es mit Jürgen abgemacht haben, hat er mich aus dem Winterschlaf geweckt und ich habe sofort nach einem Kugelschreiber gegriffen und angefangen zu schreiben.

Februar ist der depressivste(2) Monat im Jahr. Vielleicht wurde deshalb sowohl in Europa als auch in Transkarpatien viel Unfug angestellt. Was sagen Sie zum Beispiel dazu, wenn jemand unter seinem Bett eine Bombe versteckt und sie dort vergisst; nach einem Jahr tritt er dann auf sie und sie explodiert? Ich meine Kosovo. Nach Albanien und Bosnien ist das der dritte muslimische Staat in christlichen Europa.
Europa offenbar schon selbst müde, immer politisch korrekt zu bleiben. Vielleicht passieren deshalb ab und zu Dinge, die später schwer zu erklären sind: Hetzkarikaturen in Dänemark oder der Bau neuer Gasleitungen, damit russisches Gas bloss nicht über die Ukraine nach Westeuropa gelangt.
Wacht auf! (West-)Europa ist Trendsetter in der Mode, den Traditionen und den Gesellschaftsformen. Es ist ein Paradies, auf das nicht nur Chinesen und Terroristen sondern auch wir aus Karpatenbergen schauen.

Aber jetzt über etwas Anderes.
1.In Transkarpatien finden dieses Jahr sechs Weinfestivals statt. Übrigens, Cabernet und Merlot sind bei uns fast so gut wie Waadtländische- oder Burgunderweine. Kommen Sie zu uns und vergleichen Sie!
2.Vielleicht ist sie ja wirklich durch familiäre Interessen „Gasprom“ verquickt. Aber - laut den neuesten Meinungsumfragen hat der Block von Julia Timoshenko jetzt 42% und die Regionenpartei 30,6% der Wählersympathien. Julia wird also unsere nächste Präsidentin.
3.In Transkarpatien sind neuerdings die separatistischen Tendenzen stärker geworden. Einige Menschen, die nur entfernt wie Ruthenen aussehen, versuchen (mit finanzieller Unterstützung aus Moskau) die Ukraine zu spalten. Das Ziel ist kaum das Wohlergehen der Bevölkerung, viel mehr stecken eigene wirtschaftliche Interessen dahinter. Sie haben aber keine Unterstützung in der Bevölkerung.
4.Bei uns gibt es jetzt mehr Hotels und Restaurants, die den europäischen Normen entsprechen.
5.Schöner als Berge können nur andere Berge sein – das können Sie mir glauben.

Und bei uns blühen bald Schneeglöckchen und Safran.

(1) Etwa "Servus Allen"
(2) Der Ausdruck "Depressiv" wird im Ukrainischen gerne auch zur Beschreibung des sozio-ökonomischen Umfeldes benützt.

Uschgorod, Anfang Februar 2008

Guten Tag!
Endlich hat Jürgen mich soweit gebracht, dass ich mich hinsetze und etwas über Transkarpatien schreibe.

Zuallererst...
wenn Jürgen es auch nicht vergisst und mich ab und zu daran erinnert, werde ich jeden Monat einen Bericht schreiben, in dem ich meine Eindrücke der letzten Wochen zusammenfasse..

Zweitens...
Januar 2008 war ein Monat voller Überraschungen in der Politik, aber auch in der Wirtschaft und der Kultur. So stehen zum Beispiel jetzt in Transkarpatien die Leute Schlange zu Ehren unserer neuen Premierministerin Julia Tymoshenko – fröhliche Menschen warten darauf, ihr Geld zurückzubekommen, das sie zu Zeiten der Sowjetunionzeit verloren haben. Dabei glaubte schon niemand mehr daran!
Die Einwohner von Nischnje Selischtsche haben  ihre Saturnalien gefeiert. In Mukatschevo wurde viel getrunken* (20 000 Menschen mit dem Präsidenten der Ukraine als Anführer). Im Dorf Hetscha fand ein "Supernationalfestival" statt, wo man die Traditionen des Schweineschlachtens sehen und lernen konnte, es wurden auch verschiedene Fleischgerichte zubereitet und gekostet.  Wie wir festgestellen konnten, kann man aus Schweinefleisch  mindestens 14 schmackhafte Speisen zubereiten.
Die wichtigsten Probleme, mit denen sich unsere Landsleute jetzt beschäftigen, sind - so schnell wie möglich zu heiraten, weil bald die Fastenzeit beginnt und dann - warten, und wieder Geld verdienen, weil die Winterfeiertage viel Ausgaben verursacht haben.
Die EU hat sich neulich weiter in den Osten ausgedehnt, und ihre Aussengrenze verläuft neuerdings vor unserer Haustür (Slowakei und Ungarn), das hat uns die Tür zu Europa noch fester verschlossen; dafür haben wir jetzt mehr Touristen aus den anderen Regionen der Ukraine und aus Russland.

Was ich noch vergessen habe, es hat manchmal geschneit und dann taute es wieder, aber das hat uns die gute Laune nicht verdorben.

Bis zum nächsten Mal im März!

*anlässlich des traditionellen "Fest des Weins".

 
 
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