Rundbrief 28.4.2025

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Liebe Freundinnen und Freunde von NeSTU

In diesem Rundbrief

  • Der Kammerchor Cantus kommt im Oktober wieder in die Schweiz und lädt auch diesmal wieder zu einem dreitägigen Gesangsworkshop nach Melchthal OW ein. Ab sofort können Sie sich anmelden, die Anzahl der Plätze ist begrenzt.

  • Die transkarpatische Hudaki Village Band gibt im Mai und Juni in der ganzen Schweiz insgesamt neun Konzerte und freut sich aufs Wiedersehen. Die neue CD der Dorfmusikanten ist beinahe fertig.

  • NeSTU hat mehrmals Workshops für traditionellen ukrainischen Gesang mit Anna Ohrimchuk veranstaltet. Anna ist eine sehr kompetente Ethnomusikologin und Stimmbildnerin. Wer wieder oder erstmals mit ihr singen möchte, hat dazu im August Gelegenheit: Die Longo mai-Kooperative in Hosman (nahe Sibiu, Siebenbürgen) lädt zu einen sechstägigen Workshop ein. Hier gibt es weitere Informationen >>>

  • An der Jahresversammlung von NeSTU in Luzern haben Marharyta Kurbanova und Mariya Surzhenko eindrücklich davon berichtet, wie sie traumatisierten Jugendlichen in ihren Art-Camps mit Selbstvertrauen und Optimismus vollgetankt auf ihren weiteren Weg schicken. Ihre junge Organisation Horytsvit hat bereits 15 solcher Camps veranstaltet. Gerade jetzt findet im Jugendgästehaus SargoRigo in Nyzhne Selyshche ebenfalls ein therapeutisches Art-Camp statt. In diesem Rundbrief berichten wir von der Initiative des Vereins Molotok, der im März in SargoRigo erstmals ein Camp für Frauen aus den Frontregionen und deren während des Kriegs geborene Kindern durchgeführt hat. NeSTU unterstützt diese Arbeit - Dank Ihrer Spenden - massgeblich.

Text zu Cantus von Krisztina Szakacs, Redaktion Jürgen Kräftner

Oben: Polina, 13, hält sich derzeit für ein Art-Camp in Nyzhne Selyshche auf. Aufgewachsen ist sie in Saltivka am Nordostrand von Charkiw. Zu Kriegsbeginn ist sie mit ihrer Familie aus diesem sehr gefährlichen Viertel geflüchtet. Ihr Wohnblock wurde kurz danach von den Russen völlig zerbombt. Nun wohnt sie weiter südlich, immer noch in Charkiw. Ihre Grosseltern leben seit Kriegsbeginn unter russischer Besetzung. Polinas Vater wurde im vergangenen Mai beim Raketenbeschuss des grossen Einkaufszentrums Epicentr in Charkiw schwer verletzt. Auf dem Foto sieht man, wie sie eben Bekanntschaft mit einem Lamm der Schafherde von Longo mai in Nyzhne Selyshche gemacht hat.

Vielleicht habt Ihr ja die Bilder der Schüler und Schülerinnen in Kyiv gesehen, die nach dem russischen Raketenangriff vom 24. April zum zerstörten Haus ihres 17jährigen Schulkameraden Danilo gekommen waren, in der Hoffnung, dass er noch lebend aus den Trümmern geborgen würde. Leider hat sich ihre Hoffnung nicht erfüllt.

Art-Camp FURT - wo ist der Bombenschutzkeller?
Am Samstag, 26. April sind die 15 jugendlichen Teilnehmer:Innen am Art Camp "Furt" in Nyzhne Selyshche eingetroffen. Einige fragten nach ihrer Ankunft, wo sich der nächste Bombenschutzkeller befindet. Sie kommen aus Charkiw, Sumi, Mykolajiw und dem Donbas. Mehrere von ihnen haben enge Familienmitglieder verloren, oder Freunde. Das Team von Furt hat grosse Freude an den Kindern. Sie sind sehr schnell aufgetaut und vermitteln das Gefühl grosser Dankbarkeit und Grosszügigkeit. Die friedliche Atmosphäre im Jugendgästehaus SargoRigo und die Natur haben einen wunderbar beruhigenden Einfluss auf diese im Dauerstress lebenden Teenager.

Unten: Das Team von "Furt" hat sich ein vielfältiges Programm ausgedacht, vor allem bleibt viel Zeit um sich auszudrücken, in einer geschützten Atmosphäre über Ängste und Träume zu sprechen. Im Vordergrund Artem (15) aus Mykolajiw. Vermutlich wegen dem Stress sind ihm alle Haare ausgefallen.

Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit in der Ukraine. Die Ukrainer und Ukrainerinnen werden weiterhin Widerstand leisten, denn es geht buchstäblich um ihr Überleben. Besonders junge Menschen benötigen Hilfe, um die erlittenen Trauma und den permanenten Stress zu überwinden. Unser Jugendgästehaus SargoRigo in Nyzhne Selyshche ist dafür ein idealer Rahmen und mehrere Teams von Freiwilligen setzen mit Begeisterung ihren reichen Erfahrungsschatz ein.

Das Spendenkonto von NeSTU: 
Raiffeisenbank Nidwalden, 6370 Stans
IBAN: CH69 8080 8008 0940 4940 2
BIC: RAIFCH22XXX

NeSTU Netzwerk Schweiz-Transkarpatien/ Ukraine
Mürgstrasse 6
6370 Stans

Herzlichen Dank - Щиро дякуємо


Kammerchor Cantus - Tournee und Gesangsworkshop in der Schweiz
Der Titel «HOFFNUNG» der bevorstehenden 14. Schweizer Konzerttournee des Kammerchors CANTUS hat in diesen Tagen eine ganz besondere Bedeutung. Angesichts der unsicheren Weltlage – und insbesondere der Situation in und um die Ukraine – fällt es zunehmend schwer, die Hoffnung nicht zu verlieren. Doch inspiriert von der Stärke und dem Mut der Ukrainer:innen blicken wir nach vorn: die bevorstehende Konzerttournee ist für uns ein Hoffnungsschimmer, an dem wir uns festhalten.
Wir freuen uns, die für CANTUS und eigens für die Tournee geschaffene Komposition von Bohdana Frolyak zum Gedicht «Hoffnung» von Lesja Ukrajinka in den 13 Konzerten in verschiedenen Schweizer Städten zu hören. Schon jetzt laden wir Sie herzlich ein, dieses musikalische Erlebnis mit uns zu teilen. Sobald verfügbar, senden wir Ihnen den Konzertflyer mit allen Details zu.
Die Tournee beginnt traditionell mit dem 3-tägigen Gesangsworkshop in Melchtal (OW) vom 17. bis 19. Oktober 2025, zu dem wir Sie hiermit herzlich einladen möchten. Details dazu finden Sie in der Ausschreibung, wir freuen uns auf Ihre Anmeldung bis am 31. August 2025, die Anzahl Plätze ist begrenzt.

Cantus vor dem Kunstmuseum von Uzhhorod. Am 25. April sang der Chor dort Werke von Johann Sebastian Bach.


Die Hudaki Village Band in der Schweiz, die Termine
Mittwoch, 7. Mai, 20.00 Werkstatt Chur 
Freitag, 9. Mai, 20.00 Karthago, Zentralstr. 150, Zürich mail
Samstag, 10. Mai, 20.30 Alti Moschti Mühlethurnen BE

Samstag, 24. Mai, 17.15 Genossenschaft EinViertel, Winterthur mail
Donnerstag, 29. Mai, 14.00 Bluesfestival Baden ZH
Samstag 31. Mai, 21.00 Caveau du Coeur d'Or, Chexbres VD
Sonntag 1. Juni, 15.00, Quai Pasa Zug, ukrainisches Essen ab 12.00

Freitag, 20. Juni, 20.00 Sentitreff Luzern
Samstag, 21. Juni, 21.30 Abschiedsparty der Flüchtlingsunterkunft Viererfeld in Bern (Studerstrasse 55)

Bilder unten: Am vergangenen Samstag hat die Band in Chust zur Unterstützung des hiesigen Territorialbataillions musiziert, die einheimischen Freiwilligen haben Geld zum Ankauf von zwei gebrauchten Pick-Ups gesammelt. Es kommen keine riesigen Summen zusammen, knapp 200 CHF. Aber es erfreulich, dass auch in Chust alle Passant:Innen sofort verstehen, worum es geht und ungefragt spenden. In den vergangenen Tagen haben wir zwei junge Männer aus unserem Dorf an der Front verloren. Wir haben mit den Freiwilligen besprochen, ob es unter diesen Vorzeichen überhaupt angebracht sei, auf der Strasse zu musizieren. Umso mehr gehe es jetzt darum, die Männer zu unterstützen, die weiter ihr Leben riskieren, meinten sie nach kurzem Überlegen.


Furt-Camp "Mama Plus"
Unter diesem Titel hat das Team von Tania Belousova (GO Molotok) im März ein erstes Lager für Mütter aus den Frontregionen mit deren zwei- bis dreijährigen Kindern organisiert. Die Kinder sind während des Kriegs auf die Welt gekommen. Sie haben zwei Wochen im Jugendgästehaus SargoRigo in Nyzhne Selyshche verbracht und wurden dabei von einer Psychologin und mehreren Therapeutinnen betreut.
NeSTU hat diese Initiative massgeblich finanziell unterstützt. Vor ein paar Tagen haben wir mit Tania über ihre Eindrücke gesprochen.
 

Das Team, von links nach rechts: Maria (Choreographin, Bewegungstherapeutin), Katia (Musiktherapeutin aus Uzhhorod), Tania (Theaterpädagogin, Managerin von SargoRigo), Svitlana (Psychologin) und Nadia (Theaterpädagogin für Kleinkinder).

Unsere Psychologin Svitlana arbeitet seit mehreren Jahren auch bei der Initiative Veteran-Hub. Diese wird von verschiedenen Institutionen unterstützt und bietet ehemaligen Soldaten und deren Angehörigen langfristige, unter anderem psychologische Unterstützung. So konnte sie unseren Müttern anbieten, sie auch nach dem Camp online eine Weile lang gratis zu betreuen.
Nadia hat sich seit fünf Jahren auf interaktives, pädagogisches Theater für Kleinkinder spezialisiert, sie arbeitet nach der Methode einer bekannten Pädagogin aus Litauen. Für jede Mutter sie jeden Tag individuell eine schriftliche Erklärung dessen vorbereitet, was passieren würde und was sie damit bezweckt bzw. wie die Kinder vermutlich reagieren würden. Katia ist eine wunderbare Musiktherapeutin aus Uzhhorod, und Maria vermittelt Yoga, Choreographie und Theatertherapie.
Tania hat eine dreijährige Tochter und hat während mehreren Jahren theaterpädagogische Projekte für Kleinkinder betreut.
 

Leonid aus Zaporizhia gibt seinem schwerverletzten Vater Mut zum Leben


370 Bewerbungen
Im Gespräch mit Tania ist ihre Begeisterung deutlich zu spüren. Nach der öffentlichen Ausschreibung des Camps gab es binnen vier Tagen 370 Anfragen von Frauen, die teilnehmen wollten. Daraufhin musste die Ausschreibung notfallmässig geschlossen werden, denn noch mehr Anmeldungen zu sortieren wäre nicht mehr zumutbar gewesen.

Aus dem schriftlichen Bericht:

Unsere Teilnehmerinnen
· Olena aus der Region Sumi kam mit drei Kindern. 2021 bekam sie eine Tochter mit Autismus, Viola, und 2023 kamen Zwillinge dazu. Deshalb haben wir unser Einverständnis gegeben, dass auch noch Olenas Mutter mitkommt, um sie im täglichen Leben zu unterstützen.

· Tatjana, aus Zaporizhia, ist Reha-Ärztin. 2022 hat ihr Mann schwere Verletzungen erlitten, die seine Bewegungsfähigkeit beeinträchtigen, aber das war auch der Grund, warum sie Eltern werden wollten, um wieder Lebensfreude zu finden. 2023 kam ihr Sohn Leonid auf die Welt.

· Olena, Kramatorsk, Soldatin, Frau eines Soldaten, konnte zum ersten Mal seit Jahren nachts das Atmen ihrer Tochter Kira hören, anstelle des Bombenalarms.

· Oksana, aus Charkiw, Mutter von zwei Kindern, geboren 2016 (Hlib) und 2022 (Polina). Der Spaziergang mit ihrer Tochter geht jeweils bis zu den Müllcontainern, nur wenige Meter vom schützenden Keller entfernt. Aber sie sucht immer noch nach allen Möglichkeiten für eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder.

· Karina, aus Tschernihiw, hat zwei Kinder, 5 und 3 Jahre alt. Sie hat ihre jüngere Tochter im Keller einer besetzten Stadt zur Welt gebracht und lebt in ständiger Angst um ihre Kinder.

· Marina, aus Pokrowsk, arbeitet beim Katastrophenschutzministerium. Während unseres Camps wurde ihr Haus von einer Bombe zerstört, aber nicht ihre Hoffnung. Ihre Tochter heisst Stanislawa. Kürzlich sind sie nach Krivi Rih geflüchtet.

· Natalia, aus Charkiw - ihre Tochter Alisa hat deutliche psychische Probleme, in ihr steckt aber sehr viel Kreativität und genau das fördert Natalia sehr.

· Maria, aus Dnipro, ist Mutter einer unglaublichen kleinen Tochter Olivia, sie leidet unter starken Angstzuständen.

Jede von ihnen ist ein Beispiel für Mut, Liebe und Glauben.

Polina (Polja) lebt mit ihrer Mama Oksana und dem grossen Bruder Hlib in Charkiw. Zuhause entfernen sie sich jeweils wenige Meter vom nächstliegenden Bombenschutzkeller.

Was ist Dir und Deinem Team besonders aufgefallen?
Besonders Svitlana, unsere Psychologin bemerkte, nicht das erste Mal, dass viele Kleinkinder in der Ukraine stressbedingt mit grosser Verspätung zu sprechen beginnen. Überhaupt gibt es nach drei Jahren Krieg schon tiefgehende psychologische Probleme. Die Tochter von Natascha aus Charkiw, Alisa, ist manisch depressiv. Das hatte die Mutter bis dahin verdrängt, und tatsächlich braucht auch sie selbst dringend psychologische Betreuung. Immerhin hat sie diese Tatsache nun akzeptiert und ist in Behandlung. Seit Jahren hat sie mit ihrer Tochter fast keinen Kontakt zur Aussenwelt, aus Furcht vor den Bomben.

Die Mütter erzählten uns auch, dass sie zuhause grosse Mühe damit haben, dass ihre Kinder einschlafen. Im Camp war alles anders, die Kinder schliefen problemlos um 9 Uhr abends ein, was den Frauen die Gelegenheit gab, sich in Ruhe bei Kräutertee auszutauschen. Der grösste Erfolg unseres Teams war, dass wir am fünften Tag mit den Kindern ohne die Mütter zum Spaziergang aufbrechen konnten. Wir hatten uns ein ganzes Szenario ausgedacht, damit die Kinder gespannt auf den Ausflug waren.

Abends haben wir jeweils einen Raum geöffnet, der sonst immer geschlossen war, es war der Märchenraum. Wir versammelten uns hier und erzählten den Kindern Geschichten.

Das grösste Problem für diese Mütter in den Frontgebieten ist - wenig überraschend - dass sie keine sicheren Orte haben, wo sie sich mit den Kindern aufhalten können. Manche sind weggegangen, wie Marina aus Pokrovsk. Sie hat die nun grossteils zerstörte Stadt zum dritten Mal, vermutlich endgültig, verlassen und lebt jetzt in Krivi Rih. 

Milana wurde unter der Besetzung des Nordens von Tschernihiw 2022 in einem Keller geboren. Ihren Vater sieht sie kriegsbedingt fast nie.

Viola, aus Sumi, ist ein autististisches Kind.

Abendlicher Tee und Beschäftigung, während die Kinder schon eingeschlafen sind. Es wurde klar, dass praktisch alle Frauen in den Frontgebieten psychologische Unterstützung benötigen.

"Sandtherapie"

Grusskarten von NeSTU

Hier zu sehen sind Marharyta Kurbanova und Mariya Surzhenko von der NGO Horytsvit anlässlich der Jahresversammlung von NeSTU am 5. April 2025 in Luzern. Im Hintergrund sind zwei Zeichnungen von Kindern, die sie in einem ihrer Camps betreut haben. Es sind Selbstporträts mit Hinweisen über die Sehnsüchte, die Erinnerungen, die Lieblings- und Fluchtorte der Kinder. NeSTU hat mit sechs solcher Zeichnungen ansprechende Grusskarten gedruckt. Sie können diese Sets, schön verpackt, für 10.- Franken plus Porto bei der Geschäftsstelle von NeSTU bestellen.

Kontakt zu NeSTU:

Salome Stalder - Martin, Dipl Forst-Ing. ETH, Mürgstrasse 6, 6370 Stans

E-Mail: info(at)nestu.org. Natel: 078 770 23 43
Spendenkonto NeSTU:

Raiffeisenbank Nidwalden, 6370 Stans
IBAN: CH69 8080 8008 0940 4940 2
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Jürgen Kräftner