Unser letzter Besuch in Kramatorsk?
Ein Reisebericht vom Dezember 2025
3'000 km von Transkarpatien nach Dnipro, Kramatorsk, Charkiw und Sumy, um Initiativen der ukrainischen Zivilgesellschaft zu besuchen. Wir wollten in Erfahrung bringen, wo sich ausländische Freiwillige für eine Weile engagieren können. Und wir wollten den Donbas und unsere dortigen Freunde noch einmal sehen, bevor es vielleicht zu spät ist.
Zu dritt machten wir uns auf den Weg: Genia Koroletov und Nastya Malkyna, Künstler aus Luhansk, die 2022 in Transkarpatien Zuflucht gefunden haben, und der Autor, österreichischer Emigrant in der Ukraine, tätig bei der Kooperative Longo maï in Nyzhne Selyshche, und Gründungsmitglied von NeSTU.
Unser Reiseplan
Die Karte stammt von hier: https://deepstatemap.live/ (Stand Januar 2026)
Braun und lila die besetzten Gebiete , hellgrün Gebiete, die 2022 besetzt waren und seither wieder befreit wurden.
Vorwort
Die Begriffe, die in Westeuropa im Zusammenhang mit der Ukraine derzeit am häufigsten verwendet werden, sind wahrscheinlich Kriegsmüdigkeit, Desertion, Korruption, Friedensverhandlungen und Gebietsabtretungen. Das verdeckt den anhaltenden Widerstandswillen der meisten Ukrainerinnen und Ukrainer. Die Mehrheit der Bevölkerung ist nicht bereit, Russland Zugeständnisse zu machen, und fordert Gerechtigkeit.
Ebenfalls ist es bemerkenswert, dass die ukrainische Zivilgesellschaft auch während des Kriegs nicht gelähmt ist. Lebhafte öffentliche Debatten werden geführt und wo nötig finden auch Protestaktionen und Demonstrationen statt, so im vergangenen Sommer, als Demonstrationen gegen die Entmachtung von Antikorruptionsstrukturen den Präsidenten zu einer politischen Kehrtwende zwangen. Und in vielen Kreisen wächst die Erkenntnis, dass die junge Generation der Ukraine einen großen Vorsprung gegenüber Gleichaltrigen in den meisten anderen europäischen Ländern hat, wenn es darum geht, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern. Diese jungen Menschen mussten schmerzlich erkennen, dass ihnen ohne ihr Zutun keine der Grundfreiheiten und Menschenrechte garantiert sind, ganz im Gegenteil. Ihre Eltern und Großeltern haben ihnen vom Holodomor* erzählt, viele wissen, dass die größten ukrainischen Dichter und Denker vom sowjetischen Regime ermordet wurden, sie haben von dem Verbrechen von Tschernobyl gegen die ukrainische Bevölkerung gehört, sie haben vielleicht schon persönlich die Periode des Rechts des Stärkeren in den 1990er Jahren und die daraus resultierende Oligarchie erlebt, spätestens seit dem Maidan 2013-2014 wissen sie, dass es sich lohnt, für eine freie Gesellschaft auf die Straße zu gehen, und sie wissen, dass ihr imperialistischer Nachbar den ukrainischen Freiheitswillen um jeden Preis zerbrechen will.
Diejenigen, die Freunde im Westen haben oder dort einige Zeit verbracht haben, erkennen den Unterschied. Bereits mehrere Generationen von Westeuropäer.innen kennen nichts anderes als Frieden und mehr oder weniger stabile demokratisch-liberale Verhältnisse. Dieser Komfort führt dazu, dass sie denken, dass die Grundfreiheiten demokratischer Gesellschaften, die auf Menschenrechten basieren, ohne besondere Anstrengungen Bestand haben werden. Eine pazifistische, auf Dialog basierende Haltung würde dementsprechend ausreichen, um sicher zu sein, dass der Lärm des Krieges sie niemals nachts aufwecken würde.
In diesem Zusammenhang finde ich es wichtig, dass junge (und weniger junge) Menschen aus anderen Ländern für eine gewisse Zeit die vielfältigen Formen der Solidarität erleben, die in den Frontgebieten der Ukraine gelebt werden.
Jürgen Kräftner, Dezember 2025
* Ausrottung durch Hunger in der Sozialistischen Sowjetrepublik Ukraine und im Kuban (in Russland, aber damals überwiegend von Ukrainern bewohnt) in den Jahren 1932 und 1933, die nach Schätzungen von Historikern zwischen 2,6 und 5 Millionen Todesopfer forderte. Der Holodomor wird von 33 Ländern als Völkermord oder Ausrottung anerkannt. Das Europäische Parlament hat ihn 2008 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt und ihn als provozierte Hungersnot und „Verbrechen gegen das ukrainische Volk und gegen die Menschlichkeit” eingestuft und bezeichnet ihn 2022 als Völkermord.
Kurz vor der Abfahrt, Ende November. Wir laden hausgemachten Apfelsaft, kleine Geschenke für unser alten und neuen Freunde im Osten.
Dnipro
Nach eineinhalb Tagen Fahrt (mit einer Pause, in der Nacht herrscht überall in der Ukraine ausser in Transkarpatien Ausgangsperre) sind wir bei unseren Freunden Lena und David in Dnipro eingetroffen. Seit Kriegsbeginn ist David Fahrer bei der grossen NGO East-SOS und hilft Menschen aus allen Frontgebieten bei der Flucht. Lena unterstützt und berät Flüchtlinge in den Durchgangszentren, von wo aus diese entsprechend ihren Wünschen und Möglichkeiten an sichere Orte gebracht werden.
Lena und David gaben uns gute Tipps für die Fortsetzung unserer Reise nach Kramatorsk. Seit unserem letzten Besuch im Frühsommer 2024 hat sich dort viel verändert. Die Hauptstraße führt über Pokrowsk (seit Sommer 2024 ist diese Bergbaustadt heftig umkämpft und inzwischen grösstenteils zerstört) und ist gesperrt. Die anderen Straßen sind gefährlich, vor allem, je näher man der Front kommt. Russische Drohnen fliegen bis zu 40 km hinter die Front. Deshalb sind diese Straßen mit Anti-Drohnen-Netzen abgesichert.
David hat uns Videos auf seinem Handy gezeigt. Mit einer speziellen Software kann er sich in die Datenübertragung der russischen Drohnenpiloten einloggen und zeitgleich das gleiche Bild wie sie sehen. Wenn sein Auto auf dem Bildschirm erscheint, müssen er und seine Passagiere das Fahrzeug blitzschnell verlassen. Das Auto könnte innerhalb von Sekunden zum Ziel der Drohne und damit zur tödlichen Falle werden.
Das Kriegsrecht benachteiligt humanitäre Organisationen (zumindest in diesem Zusammenhang). Wenn ein Auto mit einem Drohnenerkennungs- oder Störsystem ausgestattet ist, gilt es als Konfliktpartei. Deshalb wollen internationale Organisationen solche Geräte nicht finanzieren, obwohl sie die Sicherheit der Evakuierungsteams deutlich erhöhen würden.
Lena hat uns auch einiges über ihre Arbeit in den Durchgangszentren berichtet. Die Leute aus den Frontgebieten flüchten in Wellen, und zuletzt flüchten meist diejenigen, die keine Vorstellung davon haben, wohin sie gehen könnten, also die sozial schwächsten Menschen ohne Verwandte in anderen Regionen. Manche sind krank, alt oder verwirrt, oder alles zugleich. Es ist weiterhin ein grosses Problem, dass der Staat den Menschen zu Beginn der Flucht keine konkreten Angaben machen kann, wo sie zuguterletzt hingebracht werden. Und dann gibt es auch viele Leute, die nach der Flucht wieder in ihre Heimat zurückkehren, ihnen ist das riskante Leben nahe der Front lieber als jenes in der Fremde. Es gibt aber auch ganz aussergewöhnliche Geschichten, zum Beispiel von Leuten, die es zu Fuss quer durch die Front aus einem besetzten Gebiet bis tief in die Ukraine geschafft haben.
David hat uns ins Machno-Pub in der Innenstadt eingeladen. Es war interessant zu sehen, wie die alternative Szene der vom Krieg gezeichneten Großstadt Dnipro ihren Sonntagabend in einer angesagten Bar verbringt. Diese ist voller Erinnerungen an „Vater Machno”, den Anführer der ukrainischen Anarchisten während der Revolution von 1917 bis 1921. Ich würde nicht behaupten, dass Machnos Ideen im politischen Diskurs der heutigen Ukraine eine große Rolle spielen, aber auf jeden Fall wird sein Andenken an vielen Orten verehrt.
Während unseres Aufenthalts in Dnipro hatten wir Glück, die Sirenen gaben zwar einige Male Alarm, aber wir erlebten keine direkten Treffer durch Raketen oder Drohnen. Das änderte sich knapp eine Stunde nach unserer Abreise am Morgen des 1. Dezembers, als die Stadt von zwei ballistischen Raketen getroffen wurde. Es gab vier Tote, darunter ein Kind, und Dutzende Verletzte.
Freiheit oder Tod, der Wahlspruch der Machno-Bewegung ist sehr aktuell.
Mit Dmytro Myshenin, dem Koordinator der Angels of Salvation (AoS) in Dnipro.
Angels of Salvation, Dnipro
In den Jahren 2022 und 2023 haben wir die NGO Angels of Salvation nach Kräften unterstützt, vor allem mit Minibussen für Evakuierungen und die Verteilung von humanitärer Hilfe, und wir sind in gutem Kontakt geblieben. Dmytro kommt aus Slawjansk im Donbas, dort hat er AoS 2014 gegründet. Vorher war er Unternehmer in der Holzverarbeitung. Heute hat seine NGO 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist in allen vom Krieg betroffenen Regionen tätig. Es ist keine Freiwilligenarbeit mehr, alle empfangen Lohn um ihren Lebensunterhalt sicherzustellen. Es gibt ein paar Ausländer, die vorwiegend an riskanten Missionen teilnehmen wollen. Das erfordert eine gute Vorbereitung, um sich und die anderen Teammitglieder nicht unnötig in Gefahr zu bringen: Erste Hilfe, Kenntnisse über Warnsysteme, ukrainische Sprache. Die AoS werden von etwa vierzig vor allem ausländischen Organisationen unterstützt und leisten einen enormen Beitrag, den die staatlichen Strukturen nicht erbringen können. Sie helfen jeden Monat 100'000 bis 200'000 Menschen in Not.
Die Prioritäten von AoS sind weiterhin die Evakuierung und die Verteilung von humanitärer Hilfe in der Nähe der Front mit einem großen Fuhrpark, darunter Busse, Krankenwagen und gepanzerte Fahrzeuge. Außerdem gibt es Bautrupps, die durch Beschuss beschädigte Häuser und Gebäude reparieren. Dmytro hat uns von einem Projekt erzählt, das er schnell umsetzen möchte. Es geht um Dorfbewohner, die vor den vorrückenden Russen fliehen müssen. Er will ihnen die Möglichkeit geben, ihr Vieh und einen Großteil ihres Hausrats mit in ihre neue Heimat zu nehmen, die meist tausend Kilometer weiter westlich liegt. Derzeit sucht er nach Geld, um einen Lkw zu kaufen. Solche Evakuierungen werden komplizierter und teurer als das bisherige Modell, wo eine Person grundsätzlich nur zwei Gepäckstücke mitnehmen darf. Aber das Ergebnis wird nachhaltiger sein. Dmytro erzählt, dass ihm in einigen Regionen der Zentralukraine für 200 bis 300 Dollar Häuser angeboten werden, die fast sofort bewohnbar sind, mit kleinen Grundstücken (und sehr fruchtbarem Tschernozem, ukrainischer Schwarzerde!). Es sind Dörfer, die seit Jahrzehnten von der Landflucht betroffen sind und in denen Geflüchtete willkommen sind.
Am Ende unseres Treffens wollten wir seine Prognose für die nahe Zukunft des derzeit noch freien Teils des Donbas hören. Dmytros Einschätzung ist ernüchternd: Kramatorsk wird durch Gleitbomben und Artillerie völlig zerstört werden, aber die Front wird halten. Derzeit bereitet AoS seinen Rückzug aus Kramatorsk und Slawjansk vor. Für verbleibende Mitarbeiter werden bombensichere Schutzräume gebaut.
Auf der Fahrt von Dnipro nach Kramatorsk. Die letzten 50km (oder mehr, wir haben nicht auf den Zähler gesehen) der holprigen Überlandstrasse sind mit Netzen vor Drohnen geschützt.
Kramatorsk
Am dritten Tag unserer Reise sind wir in Kramatorsk angekommen. Diese graue (aber im Sommer auch grüne) Industriestadt, die vor dem Krieg 200'000 Einwohner zählte, ist seit 2014 der Sitz der Verwaltung der Oblast Donbas. Die Front liegt derzeit in etwa 25 km. Die Russen und Trump wollen, dass die Ukraine das stark befestigte Kramatorsk und die umliegenden Gebiete kampflos abgeben, eine aus ukrainischer Sicht absurde Forderung. Seit unserem letzten Besuch im Mai 2024 hat sich einiges verändert. Bei der Anreise sieht man zahlreiche frisch ausgehobene Gräben, die mehrere Meter breit und tief sind und sich in dem vorwiegend flachen Land bis zum Horizont erstrecken. Die Gräben sind mit Stacheldraht gefüllt, ein militärischer Durchbruch scheint unvorstellbar. In der Stadt selbst sind nur die Tankstellen mit Netzen geschützt.
Unsere Eindrücke von Kramatorsk waren gemischt. Einerseits ist die Stadt lebendig, die Trolleybusse fahren und sind voller Menschen, man sieht auch Familien mit Kindern spazieren gehen, die Geschäfte und Cafés sind geöffnet. Nach Schätzungen unserer Gesprächspartner in der Stadt leben hier noch immer etwa 100'000 Menschen. Aber der Krieg hinterlässt hässliche Spuren. Ganze Häuserblocks sind durch Raketenbeschuss in Schutt und Asche gelegt. Die Sirenen heulen ununterbrochen, niemand scheint sich darum zu kümmern. Auch niemand achtet auf das dumpfe Geräusch und die Vibrationen des nahen Artilleriebeschusses, höchstens schaut man in die Richtung, aus der das Donnern kommt. Wir hatten Glück während unseres etwa 24-stündigen Besuchs, denn nur kurz nach unserer Abreise begannen massive Bombardierungen. Zwei Kampfdrohnen trafen im Abstand von einer halben Stunde ein Gebäude und töteten zwei Rentnerinnen.
Vanya, seine Mutter Anna (im Zentrum), Genia und Nastya
Bei Vanya
Für Nastya und Genia war es wichtig, ihren jungen Freund Ivan (Vanya) zu besuchen, der vor zwei Jahren an einem ihrer Zeichenworkshops teilgenommen hatte. Ivan lebt mit seiner Mutter und seiner Großmutter in Kramatorsk, ihr Haus wurde letztes Jahr von einer Drohne zerstört.
Hier ist Genias Bericht:
Vanya, seine Mutter und seine Oma haben sich sehr gefreut, uns zu sehen. Nachdem ihr Haus zerstört wurde, wurde die Familie in einer Massenunterkunft untergebracht, aber dann haben sie dank Freunden kostenlos eine Einzimmerwohnung gefunden. Diese ist vollgestopft mit Sachen, die die Familie zu retten versuchte und aus ihrem Haus mitgenommen hat. Auf den drei Betten fanden wir nur mit Mühe Platz, und Vanya zeigte uns seinen Synthesizer, den er in einer Ecke untergebracht hat. In einer anderen Ecke ragte eine Gitarre aus einem Haufen von Gegenständen heraus. Vanya studiert, um Komponist zu werden, aber nach seinen eigenen Worten kann er in letzter Zeit keine Motivation mehr finden, um zu lernen oder Musik zu schreiben.
Es stellte sich heraus, dass Vanyas zerstörtes Haus nur fünf Gehminuten entfernt ist, und wir wurden eingeladen, es uns anzusehen. Dank eines öffentlichen Programms hatte die Familie die Möglichkeit, eine neue Wohnung zu kaufen: Ihr Haus wurde für unbewohnbar erklärt und sie erhielten einen Gutschein im Wert von 2 Millionen UAH (40.000 Euro), um eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen. Wir wissen nicht, ob dieses System in der Praxis tatsächlich funktioniert, aber wir wollen wirklich daran glauben, dass es für sie eine Chance ist. Vanyas Mutter denkt, dass das Haus hätte renoviert werden können, und es fällt ihr schwer, es aufzugeben. Drinnen gibt's jede Menge Möbel und Haushaltsgeräte, die sich über die Jahre angesammelt haben. Für drei arbeitslose Menschen mit Behinderung wäre es sehr schwierig, alles selbst neu zu kaufen, deshalb träumt die Mutter davon, ein Haus zu kaufen, das schon alles hat, was man braucht. Wir haben online nach Wohnungen in verschiedenen Regionen der Ukraine gesucht und viele Optionen gefunden, die im Rahmen des Wertes des Zertifikats liegen. In den meisten Fällen müssen die Käufer jedoch die Notarskosten und Abgaben des Vorbesitzers (ab 1.000 Euro) übernehmen, wie in den Anzeigen der Verkäufer angegeben, die solche staatliche Gutscheine akzeptieren.
Das Haus von Vanyas Familie wurde zusammen mit den Nachbarhäusern zerstört. Es ist von einem großen Garten mit Obstbäumen umgeben. Drinnen, zwischen den Trümmern, liegen noch jede Menge Möbel und Haushaltsgeräte. Die städtische Kommission hat das Haus für nicht wiederaufbaubar erklärt.
Svitlana Zouyeva von Vsi Porutsch
Vsi Porutsch (Alle zusammen oder Alle solidarisch)
Unsere Freundin Anna Nahorna (sie organisiert unter anderem „Mental Health Camps” für Kriegsopfer aus der Region Charkiw) hat uns empfohlen, Svitlana Zouyeva von der Organisation Vsi Porutsch zu treffen.
Svitlana hat uns am Sitz ihrer Organisation in Kramatorsk herzlich empfangen. Das Lokal ist mit unzähligen Kartons humanitärer Hilfe überfüllt, es sind vor allem mit Medikamente und Hygieneartikel. Man kommt fast nicht durch. Während unseres anderthalbstündigen Treffens kamen und gingen ständig Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.
Vsi Porutsch zählt etwa 80 Freiwillige, vor allem in Kramatorsk, und hat auch Niederlassungen in Lwiw und Riwne im Westen der Ukraine. Die Organisation wurde 2014 gegründet und ist seit 2022 offiziell registriert. Die Hauptaktivitäten sind auch hier die Evakuierung von Menschen (auch mit gepanzerten Fahrzeugen) und humanitäre Hilfe für Zivile und Soldaten, vor allem Medikamente. Unter den Freiwilligen sind ein paar Ausländer, zum Beispiel Andrzyk aus Polen, der seit 2022 in Kramatorsk ist. Andere kommen und gehen, wie zum Beispiel ein Mann aus Australien. Als er zwischen zwei Aufenthalten in Kramatorsk nach Australien zurückkehrte, hat er zwei Krankenwagen für die Evakuierung bettlägeriger Menschen organisiert. Dieser Freiwillige spricht weder Ukrainisch noch Russisch und kommuniziert mit den Einheimischen über die Übersetzer-App auf seinem Handy, was für niemanden ein Problem zu sein scheint.
Svitlana freut sich über die gute Zusammenarbeit der verschiedenen NGOs in Kramatorsk; einmal monatlich finden Koordinationstreffen statt.
Als sie über die Evakuierung älterer Menschen aus der Umgebung von Kramatorsk in den Westen der Ukraine spricht, sieht man, wie Svitlanas Blick aufleuchtet. Es scheint, als kenne sie zu jeder Person eine persönliche Geschichte. Für sie ist es wichtig, dass auch nach der Flucht alles gut läuft, dass sich diese Menschen in einer unbekannten Umgebung und fremden Kultur willkommen und wohl fühlen. Eine Psychologin betreut die Menschen während ihrer Abreise. Es gibt Menschen, die während der Bombardierungen ihre Dokumente verloren haben, sie benötigen Hilfe um neue zu bekommen. Es gibt auch Probleme mit Haustieren, vor allem bei der Wohnungssuche. Viele Vermieter akzeptieren keine Tiere.
Svitlana hat ihre Familie in die Stadt Chmelnyzkyj im westlichen Zentrum der Ukraine umgesiedelt. Sie freut sich über den freundlichen Empfang durch die Einheimischen. Es gibt dort schon eine Art Siedlung von Leuten aus Kramatorsk, auch dies ist hilfreich. Leerstehende Häuser wurden renoviert, um die Geflüchteten unterzubringen.
Die vielen Kinder, die sich weiterhin in Kramatorsk aufhalten, bereiten Svitlana Sorgen. Das Leben wird immer gefährlicher: FPV-Drohnen und Drohnen mit Glasfasersteuerung fliegen ungehindert über die Stadt und töten nach Belieben. Ebenso beunruhigend ist die Anwesenheit von immer noch etwa 2000 Menschen mit Behinderung. Wie kann man sie im Notfall schnell evakuieren? Die Gefahr besteht darin, dass man sich, wenn man in einer Stadt lebt, die bombardiert wird, daran gewöhnt und den Detonationen kaum noch Beachtung schenkt. Wir haben 2024 das benachbarte Drouzhkivka besucht. Bis damals war diese kleine Stadt, die für ihr Porzellan und ihre Sonnenblumenkerne-Halva bekannt ist, vom Krieg weitgehend verschont geblieben. Die Front war dabei schon damals recht nahe. Jetzt wird Druzhkivka täglich bombardiert. Die Militärbehörde hat Familien mit Kindern aufgefordert, das Gebiet umgehend zu verlassen. Aber es gibt Familien, die sich mit ihren Kindern in Kellern verstecken. Ein häufiger Grund dafür ist, dass die Väter Angst haben, am ersten Kontrollpunkt von der Armee eingezogen zu werden; die Angst ist berechtigt, denn Kontrollpunkte gibt es überall und die Mobilisierung läuft auf Hochtouren.
Vsi Porutsch, das sind auch die Reparaturteams, die nach den Bombardierungen durch Gleitbomben oder Drohnen ausfahren und die zerborstenen Fenster mit OSB-Platten verschließen. Ältere Menschen verstehen oft nicht, dass die Hilfe kostenlos ist.
Wir hatten einen sehr positiven Eindruck von dieser neuen Bekanntschaft und träumen schon von einem erneuten Besuch, vielleicht sogar zusammen mit den Musiker.innen von der Hudaki Village Band. Es mag seltsam klingen, aber Svitlana war begeistert von der Idee, im Frühjahr ein paar „Kammerkonzerte” für die Freiwilligen und Soldaten in Kellern von Kramatorsk zu organisieren.
Unten ein paar Fotos von Vsi Porutsch und ein paar Eindrücke von Kramatorsk an einem nebligen Tag Anfang Dezember. Bilder von der Arbeit der mobilen Reparaturteams gibt es bei den Partnern von Vsi Poroutch: https://www.instagram.com/groamada_starogo_mista/reel/DTLGuBNiDyB/
Svitlana und ihr Team freuen sich auf Freiwillige aus dem Ausland, es gibt jede Menge zu tun und sie betreuen die Leute, die sich hier engagieren wollen gerne.
Fotos unten anklicken
In Kramatorsk haben wir auch unsere Freunde vom „Tato-Hub” wieder getroffen, einer weiteren Freiwilligeninitiative, mit der Genia und Nastya schon mehrmals zusammengearbeitet haben. Ursprünglich war das Tato-Hub (Tato ist ukrainisch für Papa) eine Idee von Vätern aus dem Angelverein (sic!), um sich unter Männern auszutauschen und sich gut auf ihre Kinder einzulassen. Seit dem Krieg ist daraus eine humanitäre Organisation geworden. Denis, einer der Freiwilligen, erzählt, dass sie sich jetzt hauptsächlich um die Kinder aus den Dörfern in der Nähe von Kramatorsk kümmern. Die Schulen sind seit Jahren geschlossen. Tato-Hub bringt die Kinder an sicheren Orten zusammen und hilft ihnen, die Lücken des Fernunterrichts zumindest teilweise zu schließen. Zugleich erhalten die Kinder ein Minimum an sozialem Kontakt zurück.
Ein Treffen mit den Freunden von Base_UA konnte leider nicht stattfinden. Base macht weiter mit seiner tollen Arbeit bei der Evakuierung und medizinischen Versorgung mit mobilen Teams. Diese fahren in die noch bewohnten Gebiete unmittelbar an der Front und betreuen die Leute dort, wo es kein öffentliches Gesundheitssystem mehr gibt. Das sind riskante Einsätze, die Freiwilligen müssen sich darauf gut vorbereiten.
Dieses Foto haben wir nicht selbst gemacht. Nur eine Stunde, nachdem wir Kramatorsk verlassen hatten, begann ein intensiver Beschuss, er dauerte den ganzen Nachmittag an. Ein mehrstöckiges Wohnhaus wurde zweimal hintereinander getroffen, zwei Rentnerinnen kamen ums Leben. Die Strategie des zweifachen Beschusses hat System, um die Rettungskräfte zu treffen. Diesmal konnten sich die Feuerwehrleute in Sicherheit bringen.
Die Drohnenschutznetze werden ständig repariert und erweitert.
Als wir Kramatorsk verließen, um nach Charkiw zu fahren, wurden wir am ersten Kontrollpunkt gründlich von Geheimdienstmitarbeitern kontrolliert. Wir mussten unsere Smartphones öffnen und zeigen, ob wir russische Nummern in unseren Kontakten hatten. Das hat eine Weile gedauert, aber die Mitarbeiter waren ruhig und höflich. Noch weit hinter der Front sieht man in den Dörfern und Kleinstädten, dass geschätzt jedes zweite Haus von Soldaten bewohnt ist.
Charkiw
Zurück in Hell’s Kitchen
Wir haben Yehor und Luda Horoshko und ihr Team von der Hell’s Kitchen im Mai 2024 getroffen. Zu Beginn des Krieges schlossen die Horoshkos ihr IT-Unternehmen, das zu diesem Zeitpunkt sehr gut lief, und richteten in einem Untergrundraum im Zentrum von Charkiw eine Suppenküche ein.
Mit einer Gruppe von Freiwilligen kochen sie täglich warme Mahlzeiten und Brot für bis zu 1.500 Menschen. Die meisten Mahlzeiten werden an Krankenhäuser in Charkiw geliefert.
Yehor und Luda erinnerten sich auch nach anderthalb Jahren noch gut an uns. Die Stimmung in der Küche war gelöst, es wurde viel gelacht. Ein junger Freiwilliger hat uns ein bisschen aufgezogen, als wir unseren Fruchtsaft geliefert haben, und gefragt, warum wir keinen Cider mitgebracht haben, daran hätte er mehr Freude gehabt. Wir haben ihm versprochen, beim nächsten Mal welchen mitzubringen. Das Team besteht aus sehr jungen Leuten und auch aus Menschen über 60.
Yehor und Luda haben uns versichert, dass ausländische Freiwillige bei ihnen sehr willkommen sind und gut betreut werden. Das sieht man auch auf den Social-Media-Seiten von Hell's Kitchen. Von dort stammen auch die Fotos hier unterhalb, sie sagen mehr als viele Worte und Charkiw ist auf jeden Fall einen Besuch wert!
https://hellskitchenukraine.org/
Hell’s Kitchen ist auch Teil eines losen Verbundes von nichtstaatlichen Organisationen und Initiativen, die Freiwillige empfangen, hier ist deren Website:
Charkiw, die Ausnahme-Stadt
In erster Linie für die Bewohner und Bewohnerinnen von Charkiw, aber auch für viele andere Menschen in der Ukraine hat diese nach Einwohner.innen zweitgrösste Stadt nach Kyiv einen besonderen Nimbus, und der Lokalpatriotismus der “Charkiwjany” sucht im ganzen Land seinesgleichen. Somit gilt Charkiw als ausserordentlich unbeugsam, und das zeigt sie seit dem Februar 2022 unter extremen Umständen. Die lokale Freiwilligenbewegung sucht ihresgleichen, und Strassenfeste mit singenden und tanzenden Menschen zwischen zwei Raketenangriffen haben über die sozialen Netze die ganze Welt erstaunt. Auch die Tatsache, dass Charkiw zu Kriegsbeginn nicht von den vorrückenden Russen erobert werden konnte, ist in erster Linie den lokalen Selbstschutzeinheiten zu verdanken.
Während unseres Aufenthalts hatten wir auch hier Glück. Wir hörten das dumpfe Geräusch von Bomben, aber es war nicht allzu nah, wir verbrachten zwei Nächte in einer Wohnung im Stadtzentrum. Wieder waren wir beeindruckt, wie sauber die Stadt nach vier Jahren Krieg ist. Überall gab es Weihnachtsdekoration und wir sahen Plakate von Theatern und der Oper mit regelmäßigen Vorstellungen. Die Schäden, die durch einen Raketenangriff auf das imposante Derschprom-Gebäude im Stadtzentrum im Oktober 2024 entstanden waren, waren fast vollständig repariert worden.
Am Abend haben wir das Koordinierungsteam der humanitären NGOs in Charkiw besucht. Sie sind sehr an Projekten für Kinder und Jugendliche interessiert. Sie kümmern sich um 6000 Kinder, die aus den Kampfgebieten nach Charkiw geflohen sind und dringend Luftveränderung zum Stressabbau brauchen.
Fotos unten: Ein Gebäude im Zentrum von Charkiw wurde zwei Wochen nach unserem Besuch von einer Rakete getroffen. Wir hatten 2024 etwas Zeit in diesem Viertel verbracht. Dieses Mal gab es sechs Tote, darunter ein kleines Kind.
Sumy
Der Food-Truck von Iskra Dobra
Die letzte Etappe unserer Reise war Sumy, die Hauptstadt der gleichnamigen großen Provinz im Nordosten der Ukraine, die an Russland grenzt. Wir wollten die Freiwilligen von Iskra Dobra, (Funke des Guten), besuchen. Das Team kollaboriert eng mit dem Komitee für medizinische Hilfe Zakarpattya, unseren tatkräftigen Freundinnen aus Uschhorod. Oleh und Ihor sind zwei junge Gastronomen aus der Stadt Tschernihiw im Norden der Ukraine. Im Jahr 2022 wurde Tschernihiw 42 Tage lang von den Russen belagert und die Stadt wurde durch die Bombardierungen stark zerstört. Während dieser Zeit begannen Ihor Kukobko und Oleh Bibikov, warme Mahlzeiten für die Rettungskräfte zuzubereiten, daran beteiligten sich bis zu 300 Freiwillige.
Nach dieser Erfahrung hatten die beiden die Idee, eine mobile Küche für Menschen in Not einzurichten. Mit ihrem Küchen-Lkw war das Team von Iskra Dobra seither an praktisch allen Frontabschnitten präsent, von Cherson über den Donbass und Charkiw bis nach Sumy. Beide sind unerschütterliche Optimisten und sehr fröhliche Menschen, was auch auf ihr Team ausstrahlt. Bei unserer Ankunft wurden wir sofort zur Mitarbeit eingeteilt. Die Arbeit war nicht kompliziert, Buchweizen musste in Einweggeschirr abgefüllt und in Thermoboxen verladen werden. Alles wurde kontinuierlich gefilmt, begleitet von lauter ukrainischer Folk-Pop-Musik aus den Lautsprechern, in einer Atmosphäre voller Lachen, Gesang und einer Zigarette nach der anderen (letzteres natürlich draußen in der Kälte).
Die Organisation schien uns perfekt. Iskra Dobra verteilt täglich zwischen 1.500 und 2.000 warme Mahlzeiten, was wir mit eigenen Augen gesehen haben. Der riesige Sappelschlepper steht in einem Park im Stadtzentrum. Das scheint weniger riskant zu sein als in einem dichter besiedelten Stadtteil: Häufig treffen Drohnen und auch Raketen die Stadt. Die Flüchtlinge kommen kurz vor Mittag zum nahe gelegenen zentralen Standesamt, einem riesigen Sowjetpalast. Sie werden nacheinander registriert und in kleinen Gruppen hereingelassen. Die meisten holen Mahlzeiten für ganze Familien ab, drei bis acht Portionen. Alles verläuft respektvoll und in guter Stimmung.
Die Leute, die die Mahlzeiten abholen, sehen übrigens nicht besonders arm aus, einige unter ihnen zum Beispiel wie Lehrerinnen oder Ärzte im Ruhestand. Die meisten sind aus den Grenzgebieten geflohen und haben in Sumy Zuflucht gefunden. Die Stadt ist auch nicht besonders sicher, da sie nur 30 km von der russischen Grenze entfernt liegt und fast täglich Drohnenangriffen und oft auch Raketenangriffen ausgesetzt ist.
Für Besucher ist es wichtig zu wissen, dass die Kontrollen beim Ein- und Ausreisen am Stadtrand von Sumy streng sind. Um keine Probleme zu bekommen, sollten Ausländer, die dorthin reisen, einen nachvollziehbaren Grund für ihren Besuch nennen können und Kontakte vor Ort haben. Eine russische Telefonnummer auf dem Handy zu haben, könnte zu ernsthaften Problemen führen.
Die Initiative Iskra Dobra freut sich über ausländische Freiwillige. Diese werden vom Team betreut. Es gibt Schlafplätze direkt im Food Truck, aber natürlich kann man auch ein Zimmer in der Stadt mieten. Sumy hat auf uns einen provinziell-sympathischen Eindruck gemacht. Offenbar haben viele Einwohner die Stadt verlassen, zugleich sind viele Menschen aus noch gefährlicheren Regionen hierher gekommen.
Mehr Fotos und Videos gibt es auf der Instagram-Seite von Iskra Dobra.