Art-Camps „Mama+Kind“
Mentale Stärkung und Erholung für Mütter und ihre im Krieg geborenen Kinder
Das Camp «Mama + Kind» des Teams der Art-Camps FURT (Verein Molotok) ist in der Ukraine in seiner Art einmalig.
Es zielt auf die mentale Stärkung und Erholung von Frauen aus den ukrainischen Frontgebieten, zusammen mit ihren im Krieg geborenen Kindern im Alter von 1,5 bis 3 Jahren.
Das 12tägige Camp bietet den Frauen künstlerische und psychologische Übungen und Erholung im Gästehaus Sargo Rigo im Dorf Nyzhne Selyshche.
Zielgruppe: Ein Camp empfängt jeweils acht Mütter mit ihrem Kind oder auch mit mehreren Kindern. Die Frauen leben in den Frontgebieten der Ukraine und ziehen ihre Kinder allein auf, weil ihre Männer im Krieg, gefallen oder schwer verletzt sind.
Im täglichen Leben ist es diesen jungen Müttern beinahe unmöglich, einen nachhaltigen Lebensrhythmus zu gestalten, sie leben unter ständigem Stress physischer Bedrohung ihrer selbst und ihrer Kinder.
Die wichtigsten Elemente des Camp-Programms:
1. Körperliche und emotionale Übungen: Tanz- und Musikworkshops, um körperlichen und emotionalen Stress abzubauen, sowie Aktivitäten für die Kinder, die auf natürliche Bewegung und Kreativität abzielen.
2. Gemeinsame Kurse für Mütter und Kinder: Familientänze, Musikkreis, gemeinsame Spaziergänge und morgendliches Yoga.
3. Unterstützungs- und Kommunikationszirkel: Psychotherapiesitzungen, Gruppengespräche zum Erfahrungsaustausch, Gespräche über Elternschaft und Diskussion über die Bedürfnisse junger Mütter angesichts der aktuellen Herausforderungen.
Das Ziel ist es, einen sicheren Raum für emotionale Entlastung, gegenseitige Unterstützung und einen vertieften Kontakt der Mütter zu ihren Kindern zu schaffen und Werkzeuge für Erholung und innere Entwicklung zu vermitteln. Das Camp-Team gibt den Müttern und Kindern die notwendigen Werkzeuge für eine gesunde Entwicklung mit und leistet damit einen kleinen Beitrag zu einer stärkeren, solidarischeren Gesellschaftsordnung.
Die Camps richten sich an Mütter mit Kindern im Alter von 1,5 bis 3 Jahren. In diesem Alter brauchen Kinder fast rund um die Uhr Aufmerksamkeit, und Mütter haben oft keine Minute Zeit für sich selbst.
Die meisten der Teilnehmerinnen leben in frontnahen oder betroffenen Regionen und haben Evakuierungen, Verluste, Schlaflosigkeit und ständigen Stress erlebt.
Das Team
Das Team des FURT-Camps «Mama+Kind» setzt sich aus Fachleuten aus den Bereichen Kunstpädagogik, Körperarbeit, Psychologie und frühkindliche Bildung zusammen. Diese Zusammensetzung gewährleistet einen interdisziplinären Ansatz in der Arbeit mit Müttern und Kindern im Alter von 2 bis 3 Jahren.
Das gesamte Team sorgt für eine sichere, unterstützende und inklusive Umgebung, in der künstlerische Praktiken, Körperarbeit und psychosoziale Unterstützung miteinander verbunden werden. Dieser Ansatz ermöglicht es, gleichzeitig an der Entwicklung des Kindes und der Ressourcen der Mutter zu arbeiten und schafft so die Voraussetzungen für eine tiefe Interaktion und Erholung.
Im Camp sind in der Regel 4 bis 5 Teammitglieder gleichzeitig anwesend, weshalb gegenseitige Vertretungen möglich sind.
Zum Team gehören:
Tatyana Belousova – Projektkoordinatorin; Theaterregisseurin, Schauspielerin, Kursleiterin für „Möglichkeiten der Theatererfahrung in der frühen Kindheit“, die mit Kindern durch Bewegung, Fantasie und körperliche Erfahrungen arbeitet,
Maria Kondratjewa – Choreografin und Regisseurin für darstellende Künste, die Bewegungsübungen und Yogakurse für Mütter leitet;
Katja Taranenko – Kinderpsychologin, Spezialistin für die Förderung der kindlichen Entwicklung, die Gruppenkurse für Kinder leitet;
Svitlana Rula – Psychotherapeutin (KZT), Meisterin für ethnische Künste, Moderatorin von kreativen Gruppenkursen und abendlichen Treffen zur gegenseitigen Unterstützung;
Zhanna Balagur – Musikpädagogin, die Musikkurse für Kinder und Musikkreise für Mütter leitet;
Nadiya Matsiuk – Pädagogin für den Kurs „Möglichkeiten der Tanzerfahrung in der Kindheit“, die sich mit der frühkindlichen körperlichen und kreativen Entwicklung von Kindern befasst;
Kateryna Kudashova – Pädagogin für Musiktherapie und Musizieren im frühen Kindesalter, die die Entwicklung der sensorischen und emotionalen Erfahrungen von Kindern durch Klang fördert.
Qualitätskontrolle
(aus dem Bericht aus dem «Mutter+Kind» Camp Dezember 2025)
Nach den Camps konnte das Team eine eindrückliche Dynamik beobachten:
· 90 % der Frauen wiesen nach dem Camp geringere depressive Symptome auf,
· die Kinder wurden offener, aktiver und vertrauensvoller.
Das enorme Interesse an den Camps ist ein klares Indiz dafür, dass in der Ukraine ein riesiges Bedürfnis an einer derartigen Betreuung besteht. Das Team erhielt über 370 Bewerbungen allein für das erste Camp. Ein entscheidender Faktor ist dabei, dass das Camp Mama+Kind für die Teilnehmerinnen kostenlos ist.
Denn derzeit gibt es entweder kostenpflichtige Camps für Mütter mit Kindern oder kostenlose – aber nur für Ehefrauen von gefallenen oder vermissten Soldaten.
„Mama+Kind“ wurde hingegen für Frauen geschaffen, die ihr Schicksal und das ihrer Kinder alleine tragen müssen.
In ihrem ausführlichen Bericht vom November 2025 schreibt die Projektkoordinatorin Tanja Belousova abschliessend: «Mama+Kind» ist nicht einfach nur ein Camp.
Es geht um Zärtlichkeit, Atem und ein Leben, das zurückkehrt.
Wir sehen, wie ein paar Tage der Fürsorge und des Zusammenseins eine Mutter verändern können – und mit ihr auch das Kind.
Interview mit Tatyana Belousova, Koordinatorin der Camps Mama+Kind und Leiterin des Vereins Molotok in Nyzhne Selyshche vom Dezember 2025
Tatyana Belousova, 40 Jahre, ist Theaterpädagogin und Mutter einer dreijährigen Tochter. Seit 20 Jahren arbeitet sie im Dorf Nyzhne Selyshche (Transkarpatien, Westukraine) mit Kindern und Jugendlichen. Ausserdem leitet sie das Jugendgästehaus Sargo Rigo. 2025 hat sie mit einigen Kolleginnen begonnen, Camps für Mütter mit deren kleinen Kindern zu organisieren, die im Krieg auf die Welt gekommen sind.
JK: Du hast Dich schon lange vor dem Krieg für Theater zur Entwicklung von Kindern von einem halben bis fünf Jahre interessiert. Ich erinnere mich an Eure Zusammenarbeit mit der litauischen Theaterchoreographin Birutė Banevičiūtė. Im zu Ende gehenden Jahr hast Du mit einigen Kolleginnen zwei Camps für ukrainischen Frauen organisiert, die während des Kriegs Kinder auf die Welt gebracht haben.
T.B.: Ja, wir haben mit Birutė und einer Kollegin aus Kyiv 2018 als erste in der Ukraine Theater für Kleinkinder inszeniert. Birutė hat grosse Erfahrung und hat auch viel zu diesem Thema publiziert. Der Grundgedanke ist, den Kindern grosse Freiheit dabei zu geben, selber spielend, experimentierend alles mögliche auszuprobieren ohne es durch Reizüberflutung unnötig abzulenken. Gleichzeitig lernen die Mütter, ihr Kind aufmerksamer wahrzunehmen. Diese Ideen haben uns sehr gefallen und wir haben mit meinen ukrainischen Kolleginnen mit dieser Methode weiter gearbeitet. Wir haben auch eine Art Lehrbuch in ukrainischer Sprache herausgegeben, wie der tänzerische Ausdruck bei Kleinkindern entwickelt werden kann. Dieses Buch richtet sich vor allem an Kleinkinder- und Tanzpädagoginnen.
Seither träume ich davon, ein Theater für Kleinkinder zu eröffnen und permanent mit Müttern und deren kleinen Kinder zu arbeiten.
Seit Beginn des Kriegs haben wir mehrere Camps für Jugendliche aus den Kriegsgebieten organisiert. Unter den Betreuerinnen der Camps waren mehrere Frauen mit kleinen Kindern, eine war schwanger. So kamen wir ganz natürlich auf die Idee, Aufenthalte für Mütter mit ihren kleinen Kindern anzubieten. Eltern machen sich auch unter normalen Umständen immer Sorgen um ihr Kind, während des Kriegs ist das ein permanenter Stress.Foto: Leonid und seine Mama Tatyana aus Zaporizhya beim Yoga. Tatyanas Mann wurde 2022 im Krieg schwer verletzt. Das Ehepaar hat sich damals entschieden, ein Kind zu bekommen, um sich gegenseitig zum Leben zu motivieren. Tatyana und Leonid sind mit dem Vater ständig unterwegs zu Reha-Behandlungen. Unser Camp war sie die erste Gelegenheit, dass sie für sich allein sein konnten.
JK: Und 2025 habt ihr bereits zwei solcher Mutter-Kind Camps durchgeführt.
T.B. Ja, die Frauen kamen vorwiegend aus den Kriegsgebieten, es gab Frauen von Soldaten und gefallenen Soldaten, wir hatten auch Frauen, die selbst der Armee angehören, und eine Kinderärztin, die mit Geflüchteten und Kindern von Soldaten arbeitet. Wir waren von der enormen Nachfrage für Camps für junge Mütter überrascht und haben festgestellt, dass in der Ukraine so gut wie keine solcher Camps angeboten werden. Eine Mutter von fünf Kindern erzählte, dass sie ihre Kinder regelmässig in Jugendlager schickt, aber für sich selbst mit ihren zweieinhalbjährigen Zwillingen bisher keine Möglichkeit gefunden hatte, sich vom Kriegsstress zu erholen. Es gibt ein Angebot von drei Tagen mit ähnlichen Inhalten wie unser Camp, aber es kostet 25'000 Hryvna (500€). Deshalb hatten wir nach nur drei Tagen 320 Anmeldungen, dann haben wir unsere Ankündigung aus dem Netz genommen.Foto: Timur und Olena (im Hintergrund) aus Myrhorod, Region Poltawa. Als Timur 15 Tage alt war, ist sein Vater im Krieg gefallen, er war Pilot. Olena leidet unter dem Verlust ihres Mannes, und gibt alles, um Frauen zu helfen, die ihre Männer im Krieg verloren haben, und um Gedenkveranstaltungen für die Gefallenen zu organisieren. In unserem Camp, so sagte sie, hat sie sich erstmals wieder daran erinnert, dass sie eine Frau und Mutter ist, zum ersten Mal hat sie so viel Zeit mit ihrem Sohn verbracht.
JK: Wie erleben diese Frauen den Krieg, seit fast vier Jahren?
TB: Sie leben unter einem permanenten Stress um ihre Sicherheit und der Sicherheit ihrer Kinder. Und sie haben Gewissensbisse, ob sie ihr Kind nicht unnötig der Gefahr aussetzen, verletzt oder getötet zu werden. Die Frauen, deren Männer an der Front sind, verbringen weniger Zeit mit ihren Kindern. Die Sorge um ihren Mann im Krieg lähmt sie und zugleich fühlen sie sich schuldig, weil sie sich nicht gut um ihr Kind kümmern. Der Mann einer unserer Mütter, Alyona, ist im Krieg gefallen. Sie hat zwei Kinder, ein 12jähriges Mädchen und einen Jungen der bald drei Jahre alt wird. Ihr Mann ist zwei Wochen nach der Geburt dieses Jungen ums Leben gekommen. Am Ende des Camps sagte sie uns, dass sie sich hier zum ersten Mal richtig um ihren Sohn gekümmert hatte, zum ersten Mal fühlte sie sich als Mama. Sie ist eine starke Frau, sie hilft anderen Frauen, die ihre Männer verloren hat, aber sie denkt andauernd an ihn und erlaubte sich nicht, Mutter zu sein.
JK. Diese Frauen brauchen ja auch psychologische Unterstützung.
TB. Natürlich, und an sich gibt es inzwischen in der Ukraine auch ein recht grosses Angebot. Aber erstens wissen viele Frauen nichts davon, und zweites sind diese Psychologen häufig inkompetent. Und es ist eine Frage der Mittel. Eine Sitzung kostet etwa 1000 Hryvna (20€), das kann sich nicht jede Frau leisten.
In unserem Team haben wir eine gute Psychologin, Svitlana. Sie arbeitet auch für eine Veteranenorganisation und kann in diesem Rahmen unseren Frauen nach den Camps eine kostenlose Betreuung anbieten, das nehmen einige von ihnen nun in Anspruch.
JK: Soviel ich weiss, legt Ihr Wert darauf, Frauen mit unterschiedlichen Geschichten zusammenzubringen.
T.B. Ja, und wir haben das sogar noch um einen weiteren Aspekt erweitert. In beiden Camps hatten wir Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Im ersten Camp ein Kind mit Autismus, und während des Camps haben wir bemerkt, dass ein weiteres Kind an einem Epilepsie-ähnlichen Phänomen leidet. Und im zweiten Camp hatten wir Darinka, ein kleines Mädchen mit spinaler Muskelatrophie, das nur mehr kurze Zeit zu leben hat. Darinka hat in unserem Camp das erste Mal mit anderen Kindern gespielt und das erste Mal selbständig ein paar Schritte gemacht. Das war ein kolossaler und unerwarteter Fortschritt.
Wir haben auch gemerkt, dass der Kontakt zwischen den Müttern während der zwölf gemeinsam verbrachten Tagen sehr wertvoll ist. Die Mütter beobachten die anderen Kinder und sprechen offen über ihre Eindrücke. Das ist wichtig, denn häufig wollen die Frauen gewisse Probleme bei ihren Kindern nicht wahrnehmen. Wir werden eine grosse Familie, und dafür ist unsere Herberge auch ein wunderbarer Rahmen. Anfangs haben die Mütter Angst vor der Treppe, wie immer (lacht), aber ab dem dritten Tag ist alles gut. Wir sind die ganze Zeit zusammen, auch die Betreuerinnen. Und nach ein paar Tagen überlassen die Mütter ihre Kinder für eine Zeit einer anderen Frau und haben plötzlich Zeit für sich.