NeSTU-Newsletter vom 16.09.2026: Besuch in Kyiv unter den Bomben, Bericht Art-Camp von Margo Kurbanova

Liebe Freundinnen und Freunde von NeSTU

 

In diesem Rundbrief:

  • Unsere Partnerteams in der Ukraine führen mit ungebrochenem Enthusiasmus Camps für Jugendliche und Mütter mit ihren kleinen Kindern aus den ukrainischen Kriegsgebieten durch. Wir sind sehr froh über die Unterstützung, die wir aus unserem Netzwerk erhalten: Sie macht diese Camps erst möglich. Ausschnitte aus dem Bericht von Marharyta Kurbanova von Horytsvit vom letzten Camp geben einen unmittelbaren, starken Eindruck davon, was zehn Tage in einer geschützten und fürsorglichen Atmosphäre für traumatisierte Teenager bedeuten können.

  • Ein Besuch in Kyiv von Ende August. Russland terrorisiert die Stadt mit beinahe ununterbrochenem Raketen- und Drohnenbeschuss. Wie halten die Menschen das aus?  

  • Im Sommer gab es in allen grösseren ukrainischen Städten wieder wochenlange Proteste, diesmal gegen den Austausch des Verteidigungsministers. Wieder hat die Strasse den Präsidenten zum Einlenken gezwungen, wenngleich er nicht auf alle Forderungen der Protestierenden eingegangen ist. Der aktive, vorwiegend junge Teil der ukrainischen Bevölkerung bestimmt auch im Krieg die Politik des Landes massgeblich mit und kompensiert dadurch weitgehend den Mangel an funktionierender, parlamentarischer Opposition. Nachdem wir hier schon viel Text haben, heben wir uns dieses Thema für den kommenden Newsletter auf. 

Redaktion: Jürgen Kräftner, Nyzhne Selyshche, Bericht Art-Camps von Marharyta Kurbanova

Mit diesem Infoflyer möchten wir uns herzlich bei all jenen bedanken, die die Arbeit von NeSTU finanziell unterstützen. Sie geben ukrainischen Teenagern und Müttern mit ihren kleinen Kindern die Gelegenheit, sich von den Strapazen des Kriegs zu erholen und Auswege aus Isolation und Depression zu finden.
Bitte machen Sie weiter und informieren Sie Freunde und Bekannte.
Falls Sie einen Infoabend im Freundeskreis, oder zum Beispiel in einer Kirchgemeinde anbahnen könnten, wären wir gerne dazu bereit. Info bei der
Geschäftsstelle von NeSTU.


Kyiv zum Beginn des Schuljahres
Noch aus sowjetischer Tradition beginnt das Schuljahr in der Ukraine jeweils pünktlich und feierlich am 1. September. Wir hatten dieses Jahr einen familiären Grund, diese Tage in der Metropole zu verbringen. Im vollbesetzten Zug erreichten wir eine Stadt im Schockzustand. Die Russen hatten einige Tage zuvor ihre Strategie geändert. Seit Kriegsbeginn hatten sich die Menschen mehr oder weniger daran gewöhnt, dass die Stadt vorwiegend in der Nacht beschossen wurde und dass es tagsüber ruhig war. Ende August änderte sich dies schlagartig. Vom 27.8. bis zum 1.9. heulten 60 mal die Alarmsirenen und der Alarmzustand währte täglich über 12 Stunden. Es gab also überhaupt keine Zeit zum Entspannen mehr. Alle wissen, dass die Stadt den ballistischen Raketen und den reaktiven Drohnen bis auf weiteres praktisch schutzlos ausgeliefert ist. Die Anzahl der zivilen Opfer hat einen neuen Rekordstand erreicht. Viele Lagerhallen mit Konsumgütern und Arzneimitteln wurden bereits zerstört, neuerdings werden beinahe täglich Tankstellen von Drohnen getroffen.

In den westlichen Medien werden gerne Bilder von U-Bahn-Stationen gezeigt, die tatsächlich bei grossen Angriffen voller Schutzsuchender sind. Aber dies verdrängt den Fakt, dass nur eine winzige Minderheit ihre Wohnungen verlässt, oder tagsüber überhaupt auf die Sirenen reagiert. Meine Freundin Anna erklärte es mir ganz einfach. Erstens fliegen die ballistischen Raketen so schnell und häufig unerwartet, dass der Alarm erst nach dem Einschlag ertönt. Das Verlassen der Wohnung kann das Risiko also noch vergrössern. Und ausserdem gibt es längst nicht genügend zuverlässige Schutzräume; sie sagte, die U-Bahn-Stationen bieten maximal 60'000 Menschen Platz. In Kyiv leben etwa 3 Millionen Menschen. Vor kurzem wurden elf Menschen im Keller ihres Wohnblocks verschüttet und getötet, als dieser von einer Rakete direkt getroffen wurde. Gewisse U-Bahn-Stationen, die nicht tief genug unter der Erde liegen, bieten ebenfalls keinen Schutz.

Wenn Anna in der Nacht also von den Alarmsirenen aufgeweckt wird, dann dreht sie sich im Bett um und versucht wieder einzuschlafen. Anders könnte sie in Kyiv nicht mehr leben und arbeiten.
Wir waren in dieser Situation Greenhorns und verfolgten im Korridor einer Wohnung im Stadtzentrum die Flugbahnen und die Einschläge von etwa zwei Dutzend Raketen. Die Website kontur.systems zeigt die verschiedenen fliegenden Waffen in Echtzeit, aber das Sicherheitsgefühl erhöht dieses Wissen nicht, im Gegenteil.

Besonders belastend ist für viele, wenn bei Luftalarm die Metro den Dnipro nicht mehr überquert. Das führt zu einer Zweiteilung der Stadt, hunderttausende sitzen fest. Die Strassen von Kyiv sind auch im normalen Alltag häufig heillos verstopft. Spontan entstand ein online-Mitfahrsystem, denn die Taxis sind natürlich überfordert und erhöhen noch dazu die Preise schamlos. Nun hat die Stadtverwaltung endlich reagiert. Der Verkehr der U-Bahn wird weitestmöglich aufrechterhalten. Ausserdem wurden verschiedene Niveaus der Bedrohungslagen eingeführt, gelb bei einzelnen Drohnen, rot bei massenhaftem Drohnen- oder Raktenbeschuss.

In den Gesprächen mit den Freunden merke ich, wie abgeklärt und dennoch etwas ratlos sie auf die neue Situation reagieren. Vor allem machen sie sich Sorgen vor dem kommenden Winter, nicht um sich selbst, sondern für ihre älteren Angehörigen. Wie sollen diese in Hochhäusern ohne Strom, Heizung, Wasser und funktionierendem Lift leben? Ich habe den Eindruck, dass jede-r schon mindestens eine Ausweichlösung ins Auge gefasst hat. Falls nötig, werden wir auch unsere Herberge in Nyzhne Selyshche wieder zu einer Notunterkunft umfunktionieren.

Dieser kleine Bericht ist nicht vollständig, wenn ich nicht schildere, wie man morgens nach einer solchen Bombennacht in ein nahegelenes Kaffee geht. Der Kaffee ist stark und gut, frisches Gebäck duftet. Niemand ist ausgeschlafen, man sieht es den Menschen natürlich an. Vorsichtig kreuzen sich die Blicke mit Unbekannten, ein Anflug des Lächelns, oft kommt es spontan zu ein paar freundlichen Worten. Von einer Schicksalsgemeinschaft zu sprechen ist hier keine Übertreibung.

Eben wird eine neue Umfrage veröffentlicht. Auch wenn die Infrastruktur in den grossen Städten total zusammenbrechen sollte, sind zum Beispiel in Kyiv über 80 Prozent der Bevölkerung gegen jeden Kompromiss mit Russland.

Spannend waren für mich auch die Gespräche mit Bekannten, die sich in Fragen der Rüstung und der Situation an der Front besser auskennen als ich. Deren Optimismus hat mich überrascht. An gewissen Frontabschnitten liegt das Momentum bereits seit einigen Monaten auf ukrainischer Seite und offenbar wird es in den kommenden Monaten noch zu weiteren "Überraschungen" tief im russischen Hinterland kommen. Auch die jüngsten Umbesetzungen an der Armeespitze wurden äusserst positiv aufgenommen.

 


Art-Camps
Seit dem Frühjahr haben in unserer Herberge Sargo Rigo in Nyzhne Selyshche und in Drahobrat im Svydovets-Massiv zahlreiche Camps für Teenager und zwei Camps für Mütter mit kleinen Kindern stattgefunden. Ein drittes Camp "Mama+Kind" läuft gerade, wer auf Instagram ist kann es hier verfolgen. 
Neu gab es zwei Selbstverteidigungscamps für Mädchen.

Von Marharyta Kurbanova (Margo) von den Camps "Horytsvit" haben wir diese Porträts von einigen der Mädchen und Jungen bekommen, die am Camp von Anfang August in Drahobrat teilgenommen haben. Die Fotos stammen ebenfalls von Margo.
 

Nastja (Anastasia), 14 Jahre

Binnenvertriebene aus der Stadt Enerhodar, Oblast Saporischschja, lebt jetzt in der Stadt Ternopil

Nastja kam nach einem schwierigen Jahr in unser Camp. In dieser Zeit musste sie einen erzwungenen Umzug und den Wechsel in eine neue Schule verkraften, den Verlust ihres gewohnten Zuhauses und den Bruch mit einem Teil ihrer Familie, der im besetzten Gebiet geblieben ist. Besonders schwer fällt es ihr mit ihrem Vater, der im besetzten Gebiet geblieben ist und das Besatzungsregime unterstützt. Der Kontakt zu ihm ist selten, und seine Nachrichten enthalten manchmal pro-russische Ansichten, was für Nastja eine zusätzliche Quelle innerer Konflikte und Schmerzen ist.

In den besetzten Gebieten leben auch ihre Grosseltern, denen Nastja sehr nahe steht. Das Mädchen verfolgt die Nachrichten über die Beschüsse und macht sich große Sorgen um sie. Sie vermisst ihr Zuhause sehr und konnte sich an ihrem neuen Ort noch nicht richtig einleben. Laut ihrer Mutter ist Nastja nach all dem, was sie durchgemacht hat, verschlossener geworden, zieht sich mehr zurück und es fällt ihr schwerer, Kontakt aufzunehmen und Freundschaften zu schliessen. Die meiste Zeit verbrachte sie zu Hause und hatte oft nicht einmal Lust, ins Freie zu gehen.

Genau deshalb war es eine der wichtigsten Aufgaben des Camps für Nastja, ihr wieder die Erfahrung von sicherem Kontakt mit anderen Menschen und das Gefühl der Zugehörigkeit zurückzugeben.

Zu Beginn des Camps war Nastja ziemlich zurückhaltend und vorsichtig. Es fiel ihr nicht leicht, sich sofort in die Gruppe einzubringen, doch nach und nach knüpfte sie Kontakte und suchte Menschen, in deren Nähe sie sich sicher fühlen konnte. Ganz am Anfang des Camps war Nastja in der Gruppe fast nicht zu bemerken: Sie beteiligte sich selten an gemeinsamen Aktivitäten, lächelte kaum und erzählte nur ungern von sich und ihrem Leben.

Wichtig ist, dass der Prozess des Annäherns schrittweise ablief. Als Nastja ihren Freundeskreis gefunden hatte, änderte sich ihr Verhalten merklich: Sie lächelte öfter, verbrachte Zeit mit den anderen Mädchen und Jungs und beteiligte sich stärker am Gemeinschaftsleben des Camps. Nach und nach zeigte sich auch eine größere Bereitschaft zu körperlichem Kontakt – insbesondere bat Nastja selbst um Umarmungen und körperliche Nähe. Es stellte sich heraus, dass sie ein ziemlich grosses Bedürfnis nach körperlichem Kontakt hat. Sie erzählte den Mentoren auch Geschichten über ihre Familie und zeigte Videos, in denen sie mit ihrer Oma und ihrem Opa in ihrer Heimatstadt spazieren ging.

Für uns war es besonders wertvoll zu beobachten, wie die Begegnung mit einer sicheren Umgebung nach und nach ihre Art der Interaktion veränderte. Nastja wurde nicht plötzlich sehr offen oder sozial aktiv – das war auch nicht unser wichtigstes Ziel. Wichtiger war die Erfahrung an sich: Nach einer langen Zeit der Isolation konnte sie Menschen finden, bei denen sie sich wohlfühlt, sich Nähe erlauben und sich als Teil der Gruppe fühlen.

Beim Abschied am Bus konnte Nastja ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, schaute jedem in die Augen und ging auf jeden zu, um sich zu bedanken. Bis heute hält sie aktiv Kontakt im gemeinsamen Chat, teilt ihre Erlebnisse und Neuigkeiten.

Nastjas Geschichte zeigt, wie wichtig ein sicheres Umfeld für ein Kind sein kann, das den Verlust seines gewohnten Lebens und eine lange soziale Isolation durchmacht. Das Camp hat zwar nicht alle ihre schwierigen Umstände gelöst, aber ihr eine konkrete Erfahrung vermittelt: Man kann sich nach und nach anderen Menschen annähern, Gleichgesinnte finden, Unterstützung erfahren und wieder Freude an der Gegenwart anderer spüren.

Semen, 15 Jahre

Lebt in der Frontzone, Stadt Charkiw

Seit Beginn des umfassenden Krieges lebt Semen unter ständiger Bedrohung – seine Familie berichtet, dass er regelmässig Explosionen hört. Das wirkt sich direkt auf sein Sicherheitsgefühl aus: Er hat Angst, und diese Angst muss unbedingt berücksichtigt werden, wenn wir über sein Verhalten und seinen Umgang mit anderen sprechen.

Ausserdem wirkt sich die Angst der Eltern um ihn ebenfalls auf den Jungen aus und schränkt ihn in seinem gesunden Prozess der Ablösung hin zu Selbstständigkeit und Selbstsicherheit ein.

Im Camp haben wir beobachtet, dass Semen sich sehr danach sehnt, gebraucht zu werden. Er ging aufmerksam auf andere ein, versuchte zu helfen und suchte nach Möglichkeiten, sich für die Gruppe nützlich zu machen. Dabei fehlten ihm jegliche Mittel zur sozialen Interaktion!

Schon zu Beginn des Camps stiessen wir auf eine Situation, in der sich Semen im Zimmer mit den Jungs unwohl fühlte, aber davon erfuhren wir erst durch seine Mutter, die uns bat, den Konflikt zu schlichten. Semen selbst hat seine Bedürfnisse nicht geäußert, hat nicht mit Gleichaltrigen gesprochen und versucht, die Situation über seine Mutter zu klären – obwohl er physisch Hunderte von Kilometern von ihr entfernt war.

Auch als die Phase des Kennenlernens begann und die Jungs und Mädchen Gleichgesinnte mit ähnlichen Interessen fanden, konnte Semen absolut keinen Kontakt herstellen.

Er blieb schweigsam und distanziert. Da fingen wir an, ihm zu helfen, und bezogen ihn in gemeinsame Aktivitäten ein, doch schon bald sahen wir ein bekanntes Verhaltensmuster: Jetzt baute Semen seine Beziehungen zur Welt über die Erwachsenen im Team auf. Hier stand das Team vor der schwierigen Aufgabe, gesunde Grenzen zu setzen und Semen seine Handlungs- und Entfaltungsfähigkeit zurückzugeben. Nach einem Gespräch mit der Psychologin stellte sich heraus, dass Semen große Angst davor hat, Fehler zu machen, weil ihm die nötige Erfahrung im Umgang mit anderen fehlt.

Daher wurde es zu einem wichtigen Schwerpunkt der Arbeit mit Semen, ihm nach und nach die Initiative zu überlassen. Anstatt ihm ständig Tipps zu geben und zu helfen, konnten die Erwachsenen ihm die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, Dinge auszuprobieren, Fehler zu machen und die Folgen seiner eigenen Entscheidungen zu erkennen.

Besonders wertvoll waren die Momente, in denen er sich von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugen konnte: nicht einfach Hilfe von einem Erwachsenen zu bekommen, sondern selbst etwas zu organisieren, anderen zu helfen, eine Aufgabe zu erledigen oder Initiative zu zeigen. Semen hat sich über die Abendpost Rätsel für die Gruppe ausgedacht, wollte eine Rolle im Theaterstück übernehmen und hat für alle Medaillen für ihre Leistungen auf der Wanderung gebastelt!

Nach und nach begann sich Semens Position in der Gruppe zu verändern: Er konnte nicht nur derjenige sein, der Unterstützung sucht, sondern auch derjenige, der anderen selbst etwas geben kann. Für ein Kind, das ständig mit Gefahren konfrontiert ist, ist das eine besonders wichtige Erfahrung – zu spüren, dass es neben der Angst und Unsicherheit auch eigene Stärken, Wahlmöglichkeiten und die Chance hat, Einfluss auf das Geschehen um sich herum zu nehmen. Wir können die äussere Gefahr nicht beseitigen, aber wir können einen Raum schaffen, in dem das Kind nach und nach spürt: „Ich kann wählen. Ich kann handeln. Ich kann gebraucht werden. Ich kann beeinflussen, was um mich herum passiert.“

Natalia, (Natascha) 14 Jahre

Binnenvertriebene, aus Sartana, Oblast Donezk, lebt jetzt in der Stadt Dnipro

Natalia kam ins Camp nach einer Erfahrung, die ihr Sicherheitsgefühl stark beeinträchtigt hatte. Ihre Familie war aus Mariupol geflohen, und nach dem Umzug nach Dnipro wurde das Haus, in dem sie gewohnt hatten, von einer Rakete getroffen. Zum Glück war die Familie zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt, doch dieses Ereignis hat die früheren Erlebnisse wieder in ihr Bewusstsein gerückt. Jetzt lebt die Familie weiterhin in einer Stadt, die häufig beschossen wird, und verbringt viel Zeit im Schutzraum.

Vor diesem Hintergrund wurde Natascha immer verschlossener, sprach fast nicht mehr mit Gleichaltrigen und lernte online. Laut ihrer Mutter war sie nervös, hatte Angst, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, und mied Situationen, in denen sie im Mittelpunkt stehen könnte. Außerdem fiel der Familie auf, dass sie Schwierigkeiten beim Essen hatte und ständig das Bedürfnis verspürte, an etwas zu knabbern – Natascha knabberte sogar an ihrer eigenen Kleidung. Bei ihrer Ankunft im Camp wies sie zudem Untergewicht sowie eine GERD-Erkrankung auf, die nach den Erlebnissen in Mariupol aufgetreten war.

In diesem Zusammenhang war es für Natascha besonders wichtig, nicht nur an den Aktivitäten des Camps teilzunehmen, sondern wieder die Erfahrung zu machen, sich inmitten anderer Menschen sicher zu fühlen.

Zu Beginn des Camps war Natascha im Umgang mit anderen zurückhaltend und brauchte Zeit, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Es war deutlich zu sehen, dass es ihr schwerfiel, sich an den Aufenthalt unter Menschen anzupassen; sie wurde schnell müde und zeigte kein Interesse an anderen. Ausserdem fielen uns Verhaltensweisen auf, die auf regressive Reaktionen vor dem Hintergrund ihrer traumatischen Erlebnisse hindeuten könnten. In manchen Situationen reagierte Natascha kindlicher, als man es angesichts ihres Alters erwarten würde, und brauchte mehr Unterstützung und Hilfe von Erwachsenen. Wir beobachteten ausserdem Schwierigkeiten bei der Konzentration und beim Behalten von Informationen, eine schnelle emotionale Überlastung sowie erhöhte Ängstlichkeit. Körperlich fühlte sich Natalia ziemlich zerbrechlich an und brauchte viel Ruhe: Sie schlief viel, hatte Schwierigkeiten beim Aufwachen und konnte sich nicht immer in den morgendlichen Rhythmus der Gruppe einfinden. Ausserdem fiel uns eine erhebliche Selektivität beim Essen auf: Anfangs ass Natalia fast gar nicht mit den anderen Kindern zusammen, deshalb stellte das Team für sie ein separates Menü aus Lebensmitteln zusammen, die sie essen konnte.

Ausserdem brauchte Natalia sensorische und körperliche Distanz: Sie trug oft Kopfhörer, auch ohne Musik, und konnte angezogen schlafen. Wir haben diese Besonderheiten nicht als „falsches Verhalten“ wahrgenommen, sondern als mögliche Wege der Selbstregulierung und zur Aufrechterhaltung ihres Sicherheitsgefühls. Deshalb haben wir versucht, sie nicht dazu zu zwingen, auf diese Verhaltensweisen zu verzichten, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sich nach und nach ohne zusätzlichen Druck an den gemeinsamen Tagesablauf anpassen konnte.

Aber es war auch unmöglich zu übersehen, wie viel kreatives Potenzial dieses Mädchen hat! Natalia denkt in Bildern, malt wunderschön und hat das Bedürfnis, das, was sie schafft, mit anderen zu teilen. Wenn sie Akzeptanz und Interesse spürte, öffnete sie nach und nach mehr von ihrer inneren Welt. Daher wurde für sie die Erfahrung besonders wichtig, dass ihre Kreativität für andere interessant ist und ein Weg sein kann, Kontakt zu knüpfen. Anstatt von ihr zu verlangen, über sich selbst zu sprechen oder sich schnell in die Gruppe einzufügen, konnten die Erwachsenen darüber mit ihr in Kontakt treten, was ihr am Herzen lag: ihre Bilder, Zeichnungen, Fantasien und kreativen Ideen.

Nach und nach begann Natascha, sich im Lager mehr zu entfalten: Sie merkte sich Namen und äusserte sich im gemeinsamen Kreis. Ausserdem teilte sie ganz offen ihre Überraschung darüber mit, dass sie sich hier wahrgenommen und wichtig fühlte. Jeden Abend bei der Tagesrückschau begann Natascha ihre Rede mit den Worten „Ich bin aufgewacht und habe gelächelt“, was zu ihrem Markenzeichen in der Gruppe wurde. Die Jugendlichen schufen eine unterstützende Atmosphäre um sie herum, voller Geborgenheit und Akzeptanz.

Für das Team ist diese Geschichte auch deshalb wichtig, weil Natalias Veränderungen sich nicht nur an der Anzahl der Aktivitäten messen lassen, an denen sie teilgenommen hat. Für ein Kind, das lange Zeit unter gefährlichen Bedingungen, in Isolation und unter ständiger Anspannung gelebt hat, ist allein schon die Erfahrung, sich in einem Umfeld aufzuhalten, in dem Erwachsene aufmerksam sind, Gleichaltrige einen akzeptieren und es keine Gefahr birgt, sich zu zeigen, bereits eine bedeutende Erfahrung der Genesung.

Oleksandra (Sascha), 16 Jahre

Lebt im Kriegsgebiet, Stadt Saporischschja

Sasha kam mit Erfahrungen aus dem Leben im Kriegsgebiet ins Camp. Nach Angaben ihrer Familie ist sie in letzter Zeit verschlossener geworden. Eine besondere Herausforderung waren für sie Mannschaftsspiele und der Aufenthalt vor vielen Menschen – solche Situationen empfand sie als stressig.

Aber gleichzeitig zeigten ihre eigenen Antworten auf den Fragebogen vor dem Camp, dass ihr Bedürfnis nach Kontakt und neuen Erfahrungen keineswegs verschwunden war. Sascha wollte eine schöne Zeit haben und vielleicht Freunde finden, mit denen sie auch nach dem Camp in Kontakt bleiben kann. Sie hat sich schon im Voraus auf das Treffen mit den anderen Kindern vorbereitet: Sie hatte vor, von ihren Reisen, der Kunstschule und dem Wushu-Training zu erzählen, und hat sogar extra interessante Fakten über Tiere gesucht, die sie der Gruppe zeigen konnte.

Dieser Kontrast war für uns wichtig: Sascha wollte unter Leuten sein, Freunde haben und sich mitteilen, hatte aber gleichzeitig eine gewisse Hemmschwelle vor direktem sozialem Kontakt.

Zu Beginn des Camps war sie zurückhaltend, ging nicht sofort auf andere zu und brauchte Zeit, um herauszufinden, ob es hier sicher war, sie selbst zu sein. Das Team hat ihre Einbindung nicht erzwungen, sondern versucht, durch gemeinsame Aktivitäten und ihre eigenen Interessen Gelegenheiten für Kontakt zu schaffen. Am Anfang hat Sascha den anderen kaum in die Augen gesehen, sich oft geweigert mitzumachen und konnte in Tränen ausbrechen, wenn sie nach den Regeln aus dem Spiel ausscheiden musste.

Nach und nach, als Sascha sich sicherer fühlte, begann sie, sich zu öffnen. Ihre Stärke – die Fähigkeit zu aufmerksamem und tiefem Kontakt – wurde im Umgang mit anderen Kindern und Erwachsenen deutlicher. Es stellte sich heraus, dass sie eine treue und fürsorgliche Freundin sein kann, dass sie gerne handarbeitet, an Teezeremonien teilnimmt und gemeinsam Musik hört.

Am Ende des Camps war es nicht entscheidend, dass Sascha plötzlich sehr offen wurde oder ihre Schüchternheit abgelegt hatte, sondern eine andere Veränderung war wichtig: Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie nach und nach Kontakte knüpfen kann, dabei ihr eigenes Tempo beibehält und sich selbst treu bleibt. Sie fing an, mit vielen Leuten in der Gruppe zu reden, und brachte ihr Erstaunen und ihre Dankbarkeit darüber zum Ausdruck, dass sie die Freundlichkeit der anderen ihr gegenüber spürte. Am letzten Abend beim Sharing erlaubte sich Sascha, ihre Verletzlichkeit vor der Gruppe zu zeigen; sie erzählte von ihrer Verbundenheit mit bestimmten Menschen, erinnerte sich an glückliche gemeinsame Momente, ließ sich Tränen zu und sagte ganz lieb: „Ich weiss nicht, warum ich das nicht gleich am Anfang gesagt habe, aber ich mache immer noch Wushu, betreibe Motorsport und zeichne Comics!“ Den ganzen Abend verbrachte Sascha zusammen mit den anderen, mal hat sie jemanden getröstet, mal mit anderen ihre Lieblingslieder gesungen, ihre Freundinnen umarmt und an der Hand gehalten.

Für uns zeigt Saschas Geschichte, wie wichtig es ist, ein Kind nicht zu zwingen, sozial zu sein, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Kontakt sicher und erwünscht wird. Ihr Wunsch, Freunde zu finden, war schon vor dem Camp da – das Programm musste nur einen Raum schaffen, in dem sie diesen Wunsch in ihrem eigenen Tempo verwirklichen konnte.

Bericht und Fotos von Marharyta Kurbanova, Art-Camps Horytsvit, Verein Duzhe

Jürgen Kräftner