NeSTU-Newsletter von 7.07.2026: Fünfter Kriegssommer
Liebe Freundinnen und Freunde von NeSTU
In diesem Rundbrief:
Ein Reisebericht von der Hudaki Village Band, die Ende Mai Solidaritätskonzerte in Lviv und in der Ostukraine gegeben hat
Ein kurzer, sehr persönlicher Text der aus Donetsk stammenden Journalistin Olena Zashko. Olena ist Videoreporterin beim Kyiv Independent
Einige Eindrücke vom Art-Camp «Furt» vom vergangenen Mai
Ein Hinweis: Maksym Butkevych und sein Team von der NGO The Principle of Hope haben eine Website aufgeschaltet, die den ukrainischen Kriegsgefangenen gewidmet ist, mit umfangreichen Berichten und vielseitigen Informationen in englischer Sprache: https://captured.org.ua/
Save the date: Am Samstag, 17. April 2027 findet im Pfarreisaal St. Anton in Luzern unsere nächste Jahresversammlung statt
Redaktion: Jürgen Kräftner, NeSTU und Kooperative Longo mai, Ukraine
Sofiya, Oleksandra und Anna, aus Zaporizhia und Chernihiv, haben im Mai an einem Art-Camp "Furt" in unserem Jugendgästehaus in Nyzhne Selyshche teilgenommen. NeSTU konnte dieses Camp dank der Unterstützung zahlreicher Spender und Spenderinnen finanziell ermöglichen. Ein zehntägiges Camp für 18 junge Leute kostet 9'300 Franken. Jugendliche aus den ukrainischen Kriegsgebieten brauchen psychologische Unterstützung. Der vertrauensvolle und zielgerichtete Rahmen der Art-Camps hilft ihnen, Selbstvertrauen zu fassen und Kriegstraumata zu überwinden.
Bitte unterstützen sie diese Arbeit.
Spendenkonto NeSTU:
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IBAN: CH69 8080 8008 0940 4940 2
NeSTU Netzwerke Schweiz-Transkarpatien/ Ukraine
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Der fünfte Kriegssommer in der Ukraine
Der Krieg ist in diesem Sommer endlich auch in Russland angekommen. Das gibt uns eine gewisse Genugtuung. Aber in Frontnähe oder bei einem Besuch in Kyiv ist von Triumph nichts zu spüren.
Das obrige Foto (weder Photoshop noch KI) eines explodierenden Treibstofftanks in Moskau vom 18. Juni hat in der Ukraine unmittelbar Kultstatus erlangt. Die Explosion wurde übrigens von einer russischen Flugabwehrrakete ausgelöst.
Die schrecklichen Raketenangriffe der vergangenen Wochen auf Kyiv haben viele BewohnerInnen dazu bewegt, ihre Gewohnheiten anzupassen. Galt früher für die meisten die «Regel der zwei Wände», um sich vor Drohnen zu schützen, ist beim Anblick komplett eingestürzter Hochhäuser mit dutzenden Toten in der Nachbarschaft klar geworden, dass man genauso gut im Bett bleiben könnte. Seither verlassen bei Luftalarm vielmehr Menschen ihre Wohnungen und begeben sich in Schutzräume oder die U-Bahnstationen. Der ukrainische Geheimdienst warnt ziemlich zuverlässig vor den massiven Raketenangriffen. Beim gestrigen Angriff hat die ukrainische Luftabwehr keine einzige ballistische Rakete abgeschossen, offenbar gibt es keine Abwehrraketen mehr. Das Resultat sind über 50 Tote ZivilistInnen binnen weniger als einer Woche, ganze Familien wurden ausgelöscht. Von den Angriffen auf die grenznahen Städte wie Tschernihiw, Sumi oder Charkiw wird im Ausland kaum mehr berichtet.
An der Front läuft es für die Russen schlecht. Aber bei einer Reise quer durch die Ukraine spürt man, zu welchem Preis diese Stagnation errungen wird. Zu häufig begegnet man den Kastenwagen mit der Aufschrift «Auf dem Schild»*, mit gefallenen Soldaten oder Soldatinnen. Bei unserem Besuch in Zaporizhia stockte der Verkehr mehrmals unvermittelt und nach einigen Augenblicken merkten wir, dass die Autofahrer einem vorüberfahrenden Trauerzug Tribut zollten. Bei der Durchfahrt durch Kleinstädte in der Zentralukraine sieht man endlose Gedenkstätten mit den Konterfeis der Gefallenen. All dies lässt die Schadenfreude beim Anblick eines brennenden Öllagers irgendwo im russischen Imperium schnell wieder verblassen.
Die kognitive Chaos in den Köpfen einiger unserer Nachbarn und anderer Dorfbewohner ist ein anderes, schmerzhaftes Kapitel. Der Einfluss der immer noch mächtigen moskautreuen Popen (sie beten heimtückisch für den Frieden und unterscheiden dabei nicht unter Angreifern und Angegriffenen), der antiukrainischen TikTok-Propaganda und die Auswirkungen der korrupten Machenschaften der zu Recht verhassten Rekrutierungsbehörden sind ein giftiges Cocktail. Besonders anfällig sind dafür dieselben Leute, die in Sachen Covid (damals noch aus Facebook) wilde Verschwörungstheorien kolportierten, die ja auch von der russischen Propaganda verbreitet wurden.
Ja, das war nun ziemlich negativ und verallgemeinern ist fast immer der falsche Weg. Die Realität liegt irgendwo dazwischen. Kaum 15km weiter, im Provinzstädtchen Chust, ist die Stimmung deutlich erfreulicher. Unsere Freunde Slava und Tanja haben ein unabhängiges Jugendzentrum gegründet, in dem dauernd etwas läuft, und zwar alles auf Freiwilligenbasis. Kleine Konzerte, Lesungen, Bildungsangebote, Selbstverteidigungskurse, Theater... interessant ist, dass sich hier vor allem junge Geflüchtete engagieren. In einem unserer nächsten Rundbriefe werden wir darüber berichten.
https://www.instagram.com/prostiryo/
*Die Formulierung Auf dem Schild (aus dem antiken Sparta) hat in der Ukraine 2022 den sowjetischen, entmenschlichten Ausdruck Ladung 200 ersetzt, der noch aus dem Afghanistankrieg stammte.
Olena Zashko, Videoreporterin beim Kyiv Independent
Olena ist nicht nur unsere gute Freundin, sie ist auch eine ausserordentliche, mutige Person und berichtet mit ihrem Kollegen Francis Farrell für den Kyiv Independent aus den ukrainischen Kriegsgebieten. Die beiden gehen dabei durchaus Risiken ein. Die Reportagen sind in englischer Sprache und ich kann sie bestens empfehlen, hier einer ihrer letzten Videoberichte aus Kostyantynivka im Donbas:
https://www.youtube.com/watch?v=DXYbiz-_xVg
Und hier ein Dokumentarfilm der beiden über die Arbeit der ukrainischen Ärzte im Fronteinsatz (englische Untertitel):
https://www.youtube.com/watch?v=SVxY5ihyVnA
Im Bild unten Olena mit dem Journalisten Francis Farrell an der Oblastgrenze von Donezk, 2025.
Olenas Lebenspartner ist Soldat im Fronteinsatz. Was dies für sie im täglichen Leben bedeutet, hat sie kürzlich einen kurzen Text beschrieben, den wir hier übersetzt haben.
Die Partnerin eines Soldaten zu sein bedeutet, sich mit den Umständen abzufinden. Aber an die Angst gewöhnst Du Dich nicht. Da ist die Wohnung, in der du wohnst, zusammen mit deiner Katze, einer Motte in den Haferflocken auf dem Regal und ein paar Zimmerpflanzen. Aber dauernd begleitet dich die Angst vor dem Tod. Sie sitzt neben dir auf dem Küchenhocker und frühstückt mit dir. Der Tod steht hinter dir, während du den Abwasch machst. Da wartet er zusammen mit der Katze hinter dem Vorhang im Badezimmer auf dich, während du dir die Haare wäschst. Da legt er sich neben dich auf das breite Doppelbett, um zu schlafen. Du siehst ihn nicht, aber du spürst ständig seine Anwesenheit.
Er weiß, wovor du Angst hast. Manchmal füllt er den ganzen Raum aus. So sehr, dass es dir vorkommt, als gäbe es hier keinen Platz mehr für dich.
Er ist ein toxischer Partner, der dir keine Sekunde Ruhe gönnt. Selbst wenn alles gut läuft, wird er dir unweigerlich sanft auf die Schulter tippen und flüstern: „Hast du nachgesehen, ob die beiden Häkchen in WhatsApp blau geworden sind? Aha, sie sind nicht blau, und er war vor ein paar Stunden online. Nein, ich will nichts andeuten, aber du kannst das doch selbst verstehen.“
Von toxischen Menschen muss man Abstand nehmen. Und so versuchst du, vor ihm zu fliehen. Wenn es nicht gelingt, sprichst du mit ihm und bringst irgendwelche Argumente vor. Und für ein paar Stunden verstummt er. Aber du weißt ganz genau: Er sitzt genau hier auf dem Stuhl und wird dich niemals verlassen.
Musik im Krieg
Endlich ist die neue CD der Hudaki Village Band erschienen. Dies war für uns ein guter Vorwand für einige Solidaritätskonzerte in Lviv, Zaporizhia und Kriviy Rih, ermöglicht nicht zuletzt durch die Unterstützung von NeSTU, herzlichen Dank! Im vergangenen Dezember hatten wir noch mit den Freiwilligen von Vsi Porutsch in Kramatorsk ein dortiges Konzert besprochen, dafür war es nun leider zu spät. Seit mehreren Monaten wird die Stadt täglich mit allen möglichen Waffen beschossen und unsere dortigen Freunde wollten das Risiko nicht mehr eingehen. Unser Minibus wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Zielscheibe für die omnipräsenten russischen FPV- und Glasfaserdrohnen geworden. Eines Tages holen wir den Besuch nach!
Am ersten Tag unserer Reise gaben wir ein Konzert in der grossen, privaten Klinik für Kriegsversehrte «Superhumans» am Stadtrand von Lviv. Es war nicht unser erster Auftritt vor schwerverletzten Soldaten. Aber Superhumans ist etwas Besonderes. Das von wohlhabenden ukrainischen Unternehmern 2022 gegründete Rehazentrum für SoldatInnen und Zivilisten betreut permanent etwa 200 Patienten, täglich werden neue aufgenommen. Natürlich hatten wir etwas Angst vor dem Treffen mit so vielen vom Krieg versehrten Menschen. Der erste Anblick ist denn auch bedrückend, überall Männer und unerwartet viele Frauen, denen ein, zwei oder sogar drei Gliedmassen zum Teil völlig fehlen. Manche von ihnen haben bereits Prothesen, manche noch nicht. Aber die Arbeit des Ärzte- und Betreuerinnenteams von Superhumans schafft eine ausserordentlich gelöste, positive Stimmung, und die übertrug sich auch auf uns. Wir hörten von den Balkonen lautes Lachen, wir spürten den tiefen Respekt und die Zuneigung, ein krasser Unterschied zum üblichen ukrainischen Krankenhausbetrieb. Superhumans hat für die Verletzten viel zu bieten: Psychische und physische Vorbereitung auf das Leben mit den Prothesen, Physiotherapie inklusive Schwimmbad. Die Prothesen werden vor Ort hergestellt und angepasst. Neuerdings werden hier sogar Gesichtstransplantationen durchgeführt. Unter den medizinischen Kuratoren befinden sich führende Ärzte aus Europa und den USA. Die Klinik wird von zahlreichen ausländischen und ukrainischen Sponsoren unterstützt, zum Beispiel Howard Buffet und Richard Branson (Virgin). Um die Patienten auf ihre Rückkehr ins Leben vorzubereiten, werden verschiedene Formen der individuellen und gemeinsamen Kreativität angebote, und dazu gehört auch Musik. Ein Team bestehend aus Patienten und Betreuern hatte mehrere unserer Lieder mit elektronischen Beats bereichert und am Schluss unseres Konzerts gaben wir eine gemeinsame Kostprobe, das machte allen Beteiligten grossen Spass.
Superhumans hat am vergangenen Wochenende ein neues grosses Rehazentrum in Odesa eröffnet, ein weiterer Meilenstein, anwesend waren die Regierungschefin und die First Lady der Ukraine, Oleksandr Glyadyelov war mit einer Fotoausstellung von Superhumans Lviv dabei.
Foto unten: Sasha, rechts vorne, ist einer der Patienten von Superhumans. Er hat mehrere Lieder von Hudaki elektronisch verarbeitet, das Resultat war erfrischend unkonventionell.
Von Lviv fuhren wir 1000km in Richtung Osten bis nach Zaporizhia. Nach der letzten Abzweigung von Dnipro machte sich bemerkbar, dass die Front nahe ist. Vorwiegend Militärfahrzeuge waren unterwegs und der grosse Kontrollposten etwa 10km vor der Stadt ist mit Netzen vor Drohnen geschützt. Aber am nächsten Morgen empfing uns die Stadt mit regem Leben. Es waren die letzten Schultage, bei strahlendem Wetter waren die Strassen voller fröhlicher und festlich gekleideter Jugendlicher, die Kaffees und Restaurants überfüllt. Wir hatten Glück: Es folgte zwar ein Luftalarm beinahe nahtlos auf den anderen, aber während der zweieinhalb Tage in der Industriestadt erlebten wir kaum direkte Angriffe. Die Front verläuft hier nur 30km weiter südlich. Ein Telegramkanal gibt in Echtzeit Auskunft über drohende Gefahr, so waren auch wir permanent im Bilde: https://t.me/eyes_everywhere_ua
Vor noch zwei, drei Monaten sei es sehr schlimm gewesen, erzählten uns Einheimische. Zeitgleich konnte man mehrere Drohnen in verschiedene Richtungen fliegen sehen und dann live die Einschläge mitverfolgen. FPV-Drohnen zerstörten fahrende Autos mitten in der Stadt. Gleitbomben zerstörten ganze Wohnblöcke.
Foto unten: Die berühmte Mennonitische Mädchenschule von 1904 wurde vor ein paar Tagen von einer russischen Bombe fast völlig zerstört. Überhaupt haben die Angriffe auf die Stadt wieder stark zugenommen. Solche Erlebnisse blieben uns zum Glück erspart.
Trotz der ständigen Gefahr leben in Zaporizhia zahlreiche Geflüchtete aus den besetzten Gebieten vor allem aus der Südukraine. Unser erstes Konzert haben wir für solche Menschen gegeben, organisiert von der lokalen Caritas. Für diese Leute aus der Südukraine ist unsere transkarpatische Musik beinahe so exotisch wie ein Konzert zentralafrikanischer Pygmäen, was der Begeisterung keinen Abbruch tat.
Am nächsten Tag hatten wir ein unvergessliches Erlebnis, unsere erste Zusammenarbeit mit den «Cultural Forces», einer offiziellen Einheit der ukrainischen Armee. https://culturalforces.org/en/
In einem grossen Schutzraum gaben wir ein Konzert vor etwa 50 Soldaten eines Sturmregiments. Zum Glück halfen uns unsere Kollegen, ebenfalls Musiker, die diesen Job bereits seit 2022 machen, denn es war nicht einfach. Erst danach hörte ich vom Begriff des «2000-Yard Stare», und für etwa ein Drittel der anwesenden, mehrheitlich jungen Soldaten war es der zutreffende Ausdruck: Ein völlig abwesender Blick verrät extreme psychische Auszehrung. Das Regiment kämpft seit Jahren an den heissesten Frontabschnitten, Charkiw, Bachmut, Avdijivka, Kursk, Hulaipole. Und doch war der Kontakt zum Schluss unseres vierzigminütigen Konzerts überaus herzlich. Wir haben die Männer zum Fronturlaub zu uns eingeladen, wer weiss ob mal jemand auftaucht. Wenn sie bloss das Kriegsende erleben. Von diesem Auftritt durften wir begreiflicherweise keine Fotos machen.
Die Musiker und andere Künstler der «cultural forces» besuchen Einheiten bis unmittelbar an der Front. Unser Bekannter erzählte uns von kleinen Konzerten in überdeckten Schützengräben.
Bild unten: Der US-Künstler Thomas C. Lea hat dieses Bild Two-Thousand Yard Stare genannt (1945) es ist zum Sinnbild für den abwesenden Blick schwer traumatisierter Soldaten geworden.
Von Zaporizhia fuhren wir weiter nach Kriviy Rih, die grosse Stahlindustriestadt in der Südukraine. Die direkte Strecke verläuft über Nikopol am Dnipro, zu nahe der Front, häufig werden zivile Autos von russischen Drohnen zerstört, also machten wir lieber einen kleinen Umweg. Kriviy Rih ist gross, mit Schwerindustrie und Eisenerzabbau soweit das Auge reicht, und provinziell zugleich. Das Stadtzentrum war zum letzten Schultag voller feiernder Jugend, nur mit Mühe kamen wir zu einem Mittagessen. Dabei sind überall die Zerstörungen zu sehen.
Auch das legendäre alternative Kulturzentrum Shelter Plus war an dem warmen Frühsommertag restlos gefüllt. Bei Shelter Plus haben wir Gleichgesinnte kennengelernt, mit denen wir hoffentlich bald wieder zu tun haben werden. Das grosse Team ist sehr vielseitig engagiert, besonders im Jugendtheater und seit 2022 in der Flüchtlingsbetreuung. Die Sozialarbeit haben sie inzwischen wieder den staatlichen Stellen überlassen.
https://shelter-plus.com/eng
Foto oben: Im Stadtzentrum von Kriviy Rih steht dieses offenbar von einer Bombe stark in Mitleidenschaft gezogene Restaurant. Aber es ist in Betrieb! In der Umgebung gibt es kaum unversehrte Gebäude.
Bei der Abfahrt von Kriviy Rih verirrten wir uns in einer dieser Industriegegenden, das GPS war gestört und wollte uns weismachen, wir wären in Peru. Dies ist Ausdruck des Humors der ukrainischen elektronischen Kriegsführung. Das gut funktionierende Störsystem heisst denn auch «Lima Quant» und bringt russische Drohnen und Gleitbomben von ihrer Route ab.
Art-Camp Furt, "Arts and Nature", Mai 2026
Bild oben: Unsere Schafe und vor allem Lämmer lösen bei den Stadtkindern aus den Frontgebieten kaum zu bremsenden Enthusiasmus aus.
NeSTU unterstützt dieses Jahr eine noch grössere Zahl an verschiedenartigen Camps für Jugendliche und für Mütter mit im Krieg geborenen Kindern aus den Frontregionen. Die meisten Camps finden im Jugendgästehaus Sargo Rigo in Nyzhne Selyshche statt, es bietet einen idealen, sehr geschützten und friedlichen Rahmen. Gerade heute beginnt ein Selbstverteidigungscamp für Mädchen von 13 - 15 Jahren, Fight-Fox-Club.
Das Team von Horytsvit mit Margo Kurbanova und Mariya Surzhenko kennen schon einige unserer LeserInnen, die beiden haben ihre Initiative zweimal an Veranstaltungen von NeSTU vorgestellt und wir haben auch schon öfters über sie berichtet. Etwas neuer ist das Team von "Furt", das sich in seinem dritten Lager immer deutlicher konsolidiert. Neu ist auch, dass das Team die Natur als wichtige Komponente in das Camp-Programm integriert hat und dafür auch zwei junge, männliche Mentoren gefunden hat. Diese fanden sehr schnell einen vertrauensvollen Kontakt vor allem zu den jungen Buben, das war sehr berührend zu beobachten. Einer von ihnen, Artem, stammt aus Donetsk, das ist wichtig für die Kids aus der Ostukraine (er ist im oberen Bild zu sehen). Artem ist Bergführer und Marathonläufer. Der andere junge Mann heisst Joe, er ist englischer Ornithologe und phantastischer Naturbeobachter und er lebt in Rumänien.
Neu ist auch die Beteiligung der erfahrenen Jugendpsychologin Svitlana. Sie hat nach dem Camp einen 18seitigen Bericht mit den Auswertungen zahlreicher Interviews mit den Jugendlichen und den Eltern verfasst. Hier sind ihre Schlussfolgerungen.
Die Auswertung der Fragebögen der Kinder, der Rückmeldungen der Eltern und der Beobachtungen während der Durchführung des Programms zeigt, dass das Camp für die Teilnehmer nicht nur eine Gelegenheit zur Erholung und zur kreativen Entfaltung war, sondern auch einen Raum für bedeutungsvolle persönliche Erfahrungen bot. In den Antworten der Kinder und Eltern tauchten immer wieder Themen wie Selbstvertrauen, neue freundschaftliche Beziehungen, Offenheit für den Austausch, psychische Erholung, Selbstständigkeit und das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft auf. Es ist wichtig zu betonen, dass diese Ergebnisse kein Zufall sind. Sie wurden durch die umfassende Vorbereitung des Programms und die gemeinsame Arbeit des Teams bereits vor Beginn des Camps ermöglicht. Die Durchführung einer Strategiesitzung ermöglichte es, eine gemeinsame Vision der Programmziele zu entwickeln, Rollen zu verteilen und einen abgestimmten Ansatz für den Umgang mit den Kindern zu schaffen. Ein weiteres wichtiges Element war die Beteiligung eines Psychologen und Methodikers an der Programmvorbereitung, der Analyse der Aktivitäten, der Stärkung psychologisch sicherer Praktiken und der Vorbereitung des Teams auf die Arbeit mit Jugendlichen. Von besonderem Wert war die Bereitschaft des gesamten Teams, nicht nur Veranstaltungen durchzuführen, sondern in jedem Kind eine eigenständige Persönlichkeit mit ihren Bedürfnissen, Erfahrungen, Stärken und Lebenserfahrungen zu sehen. Gerade die Kombination aus fachlicher Vorbereitung, aufrichtigem Interesse, Fürsorge und Respekt gegenüber den Teilnehmenden schuf ein Umfeld, in dem sich die Kinder sicher fühlen, sie selbst zu sein, ihre eigenen Möglichkeiten erkunden und neue Beziehungen aufbauen konnten. Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung einer solchen Erfahrung für Jugendliche, die unter den Bedingungen eines umfassenden Krieges aufwachsen. Für viele von ihnen bot das Camp die Möglichkeit, sich nicht nur von der ständigen Anspannung zu erholen, sondern sich auch wieder als Kinder zu fühlen: miteinander zu kommunizieren, kreativ zu sein, Freundschaften zu schließen, zu lachen, die Welt zu entdecken und Pläne für die Zukunft zu schmieden. Genau solche Erfahrungen sind ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Entwicklung und der Erhaltung des psychischen Wohlbefindens. Aufgrund der erzielten Ergebnisse lässt sich feststellen, dass das Programm die ihm gestellten Aufgaben erfolgreich umgesetzt und für die Teilnehmer einen sicheren, unterstützenden und fördernden Raum geschaffen hat. Gleichzeitig zeigen die Rückmeldungen der Kinder, Eltern und des Teams, dass einzelne Ergebnisse des Programms sogar über die ursprünglichen Erwartungen hinausgingen: Für viele Teilnehmer war das Camp nicht nur ein Sommerereignis, sondern eine wichtige Erfahrung, die weiterhin ihren emotionalen Zustand, ihr Selbstwertgefühl, ihre Beziehungen zu anderen Menschen und ihren Glauben an die eigenen Fähigkeiten beeinflusst.